In Niedersachsen ist die Zahl der Neu-Diagnosen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen 2024 deutlich gestiegen. Nach Auswertung des Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit wurden landesweit rund 21.700 junge Menschen erstmals mit ADHS diagnostiziert – das entspricht einem Zuwachs von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Geschlechterunterschiede und Altersgruppe
Die Analyse zeigt markante Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Jungen erhalten demnach etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig fällt der relative Anstieg bei Mädchen stärker aus: Während die Neudiagnosen bei Jungen um 12 Prozent zunahmen, stiegen sie bei Mädchen vergleichsweise um 15 Prozent.
Die DAK-Daten beziffern zudem den Anteil Betroffener: Im Jahr 2024 waren in Niedersachsen 6,1 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen medizinisch mit einer ADHS-Diagnose in Versorgung. Damit gehört die Störung für einen nicht unerheblichen Teil der jungen Bevölkerung zu den behandelten Gesundheitsproblemen.
Ursachen und Einordnung
ADHS gilt als multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der genetische Anlagen und Umweltfaktoren zusammenspielen. Der Report der Krankenkasse liefert keine einzelnen Ursachen für die Zunahme, verweist aber auf die Notwendigkeit, Versorgung, Bildungseinrichtungen und Familien besser zu vernetzen, um Betroffene frühzeitig und zielgerichtet zu unterstützen.
Forderung nach besserer Vernetzung
Vor dem Hintergrund der Zahlen hat der DAK-Landeschef die Bedeutung einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen medizinischen, pädagogischen und sozialen Akteuren betont. Eine koordinierte Versorgung könne helfen, Diagnostik, Therapie und schulische Begleitung zu verbessern und so langfristige Belastungen für Kinder und Familien zu reduzieren.
- Rund 21.700 Erstdiagnosen in Niedersachsen (Hochrechnung für 2024).
- 13 Prozent Zuwachs der Neudiagnosen gegenüber 2023.
- 6,1 Prozent der 3- bis 17-Jährigen waren 2024 mit ADHS medizinisch versorgt.
Auswirkungen auf Schule und Alltag
Für Schulen und pädagogische Fachkräfte bedeuten steigende Fallzahlen eine größere Herausforderung. Kinder mit ADHS benötigen häufig individuelle Unterstützungsangebote, veränderte Lernumgebungen und eine enge Abstimmung zwischen Lehrkräften, Schulpsychologen und behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Die DAK sieht in der Schule einen zentralen Hebel, um Betroffene zu erreichen und zu begleiten.
Eltern berichten in Beratungsstellen immer wieder von Belastungen im Familienalltag: Schwierigkeiten bei Konzentration, Impulskontrolle und Organisation können zu Konflikten und Leistungsproblemen führen. Eine frühzeitige, fachlich fundierte Diagnose ist nach Ansicht von Fachleuten wichtig, um geeignete Therapie- und Förderangebote einzuleiten.
Versorgungslage und konkrete Maßnahmen
Der Report macht nicht nur die Häufigkeit sichtbar, sondern wirft auch Fragen zur Versorgung auf. In ländlichen Regionen Niedersachsens sind fachärztliche Ansprechpartner, spezialisierte Therapeuten und multimodale Angebote oft weniger gut erreichbar als in urbanen Zentren. Vor diesem Hintergrund fordern Krankenkassenvertreter und Fachverbände bessere Koordination, Telemedizin und den Ausbau schulischer Unterstützungsstrukturen.
| Indikator | Wert 2024 | Veränderung gegenüber 2023 |
|---|---|---|
| Erstdiagnosen (Hochrechnung) | 21.700 | +13 % |
| Anteil 3–17 Jahre mit ADHS | 6,1 % | — |
| Zuwachs Jungen / Mädchen | Jungen: +12 % / Mädchen: +15 % | — |
Was Eltern und Lehrer jetzt wissen sollten
Fachleute raten zu einem mehrstufigen Vorgehen: Bei anhaltenden Auffälligkeiten sollten Eltern zunächst mit Kinder- und Hausärztinnen oder -ärzten sprechen. Von dort können Schritte zur fachärztlichen Abklärung, Verhaltenstherapie oder schulischen Fördermaßnahmen eingeleitet werden. Auch Beratungsstellen der Krankenkassen bieten Informationen und Vermittlung an.
Die Zunahme der Diagnosen in Niedersachsen verdeutlicht die Notwendigkeit, Versorgungswege zu prüfen und praktische Hilfsangebote für Familien auszubauen. Eine engere Vernetzung zwischen Medizin, Schule und Sozialdiensten kann nach Einschätzung von Fachvertretern dazu beitragen, dass betroffene Kinder passgerechte Unterstützung erhalten und ihre Entwicklung bestmöglich gefördert wird.
(Korrespondentin Niedersachsen)