WEINFELDEN — Beim Abendanlass von Vernetzung Velo Thurgau hat Thurgauer Polizeikommandant Jürg Zingg die Lage im Zweiradverkehr als «sehr aktuell und lebensentscheidend» bezeichnet. Anlass des Treffens in Weinfelden war die Diskussion um Sicherheit, Verhaltensweisen und Unfallursachen im Velo- und Mikromobilitätsverkehr.
Mehr Velos, mehr E-Bikes, mehr Dichtestress
Christian Stricker, Präsident von Vernetzung Velo Thurgau, erinnerte daran, dass das hohe Veloniveau in der Schweiz keine Selbstverständlichkeit sei und dass die rasche Verbreitung von E-Bikes auf Velowegen zu einem spürbaren Dichtestress führe. Die zunehmende Mischung von langsameren Velofahrenden, schnellen E-Bikes und anderen Verkehrsteilnehmenden erfordere Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme.
«Wir beleuchten heute ein sehr aktuelles und lebensentscheidendes Thema», sagt Christian Stricker, Präsident Vernetzung Velo Thurgau.
Zingg ergänzte, dass die Gefahr nicht zu unterschätzen sei: Während die Unfälle im motorisierten Individualverkehr zurückgingen, nähmen die Unfälle mit Velos wieder zu. Einen wesentlichen Grund sieht er in fehlender Rücksichtnahme und in gehetztem Verhalten mancher Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer.
Unfallstatistik im Blick
Der Polizeikommandant gab einen kurzen historischen Vergleich: In den vergangenen zehn Jahren demonstrierten die Statistiken einen allgemeinen Abwärtstrend bei Verkehrsunfällen. Dennoch gab es zuletzt alarmierende Zahlen: Im letzten Jahr wurden zwei Verkehrstote verzeichnet; bis Mitte August dieses Jahres stieg die Zahl auf 12 Verkehrstote, wobei rund die Hälfte davon Motorradfahrende betraf.
| Zeitraum / Kategorie | Angabe |
|---|---|
| Letztes Jahr (Verkehrstote) | 2 |
| Bis Mitte August dieses Jahres (Verkehrstote) | 12 (ca. Hälfte Motorradfahrende) |
| Vor 40 Jahren (Verkehrstote) | Über 40 |
| E-Trottinett-Unfälle letztes Jahr (bei denen Alkohol Hauptursache) | Von 19 Unfällen waren bei 4 Fahrenden Alkohol ein Hauptfaktor |
Zingg führte technologische Verbesserungen, verschärfte Gesetze sowie Prävention und Repression als Gründe für den langfristigen Rückgang der Unfalltoten an. Zugleich mahnte er, die aktuelle Entwicklung nicht zu bagatellisieren: Bei den Zweirädern habe es zuletzt wieder Zunahmen in den Unfallzahlen gegeben, vor allem bei Velofahrenden.
Hauptursachen: Selbstunfälle, Rücksichtslosigkeit, Alkohol
Aus Sicht der Polizei sind mehrere Faktoren relevant. Teilweise gelten Velofahrende bei Unfällen als Hauptverursachende, insbesondere bei Selbstunfällen. Bei E-Trottinetts wurde in einer Anzahl von Fällen die Wirkung von Alkohol als ursächlich identifiziert. Zingg betonte damit implizit, dass nicht nur Infrastruktur, sondern auch das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden entscheidend ist.
- Rücksicht auf Velowegen und Trottoirs erhöhen
- Tempo und Abstand zwischen unterschiedlich schnellen Verkehrsteilnehmenden regulieren
- Alkohol am Steuer von Mikromobilität stärker thematisieren und kontrollieren
Konkrete Massnahmen oder neue Regulierungen wurden am Treffen nicht angekündigt. Vielmehr ging es um Sensibilisierung und Vernetzung von Akteuren, die im Alltag für sichere Velowege sorgen: Veloverbände, Gemeinden, Polizei und Planende.
Was bedeutet das für Thurgauer Gemeinden und Pendler?
Für Städte und Gemeinden im Thurgau heisst das: Die bestehenden Veloinfrastrukturen müssen im Blick behalten und wo nötig angepasst werden, damit unterschiedliche Verkehrsgeschwindigkeiten und Nutzungen sicher nebeneinander existieren können. Für Pendelnde und Freizeitradelnde ist die Aufforderung klar: mehr Rücksicht, angepasste Geschwindigkeit und Bewusstsein für Risiken — gerade wenn E-Bikes oder E-Trottinetts im Spiel sind.
Das Treffen in Weinfelden zeigt, dass das Thema auf lokaler Ebene angekommen ist. Die Herausforderung liegt nun in der Zusammenarbeit: Aufklärung, geeignete Infrastruktur und gezielte Kontrollen können nur gemeinsam von Polizei, Gemeinden und Velovereinen nachhaltig verbessert werden.
Die Debatte dürfte auch in den kommenden Monaten relevant bleiben, wenn weitere Daten zu Unfällen und deren Ursachen vorliegen und wenn Gemeinden lokale Anpassungen an Velowegen prüfen. Bis dahin bleibt die Aufforderung von Polizei und Velonetzwerken: Mehr Rücksicht nehmen, denn jeder Unfall hat direkte Folgen für Personen und Gemeinden im Kanton.