Der wiedereröffnete Wiener Stadttempel stand am Mittwochabend im Zentrum eines Festakts, bei dem Vertreterinnen und Vertreter von Staat, Stadt und Religionsgemeinschaften zusammenkamen. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien feierte nach zehneinhalb Monaten Restaurierung und Sanierung die Rückkehr in ihr spirituelles Zentrum.
Hoher Besuch und deutliche Worte
An der offiziellen Feier nahmen mehrere prominente Repräsentanten teil: Bundespräsident Alexander Van der Bellen übernahm den Ehrenschutz und durchschnitt gemeinsam mit IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher und Oberrabbiner Jaron Engelmayer das Eröffnungsband. Ebenso anwesend waren Bundeskanzler Christian Stocker, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner (ÖVP) und die Dritte Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ).
Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen und der muslimischen Gemeinschaft unterstrichen den interreligiösen Charakter des Abends: Für die römisch‑katholische Kirche kamen der Linzer Bischof Manfred Scheuer, Bischofsvikar Dariusz Schutzki und der Generalsekretär der Bischofskonferenz Peter Schipka. Die evangelisch‑lutherische Bischöfin Cornelia Richter und der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural, waren ebenfalls dabei.
Erinnerung und Auftrag
In ihren Reden rückten die Sprecher Verantwortung und Schutz des jüdischen Lebens in Österreich in den Mittelpunkt. Angesichts eines neuerlichen Aufflammens antisemitischer Vorfälle forderten sie Solidarität und entschiedenes Handeln gegen Hass. IKG‑Präsident Oskar Deutsch betonte dabei den staatsbürgerlichen Wert der Restaurierung: „Das ehrt dieses Land“, sagte er über die Unterstützung für das Projekt.
„Das Judentum gehört zu Österreich wie die Milch in die Melange.“
Deutsch verwies auf den offenen Charakter des Hauses: Der Stadttempel sei nie nur ein Rückzugsort gewesen, sondern immer auch ein Ort der Begegnung. Er zitierte dabei den Propheten Jesaja: „Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker.“
Bau, Finanzierung und Bedeutung
Die Sanierungsarbeiten dauerten zehneinhalb Monate. Die Finanzierung erfolgte zu zwei Dritteln durch den Bund und die Stadt Wien; ein Anteil wurde durch privates Fundraising der Gemeinde gedeckt. Der Stadttempel ist die einzige Synagoge Wiens, die die Novemberpogrome 1938 unversehrt überstanden hat; diese historische Einzigartigkeit verleiht dem Gebäude eine besondere Bedeutung für die Erinnerungskultur der Stadt.
| Aspekt | Angabe |
|---|---|
| Dauer der Bauarbeiten | Zehneinhalb Monate |
| Finanzierung | Zu zwei Dritteln Bund und Stadt, Rest durch Fundraising |
| Besonderheit | Einzige Synagoge Wiens, die die Novemberpogrome 1938 überstand |
Öffnung für Publikum und Bildungsarbeit
Der Stadttempel soll nicht nur für religiöse Feiern dienen: Geplant ist, dass das Haus im Winter wieder Führungen für Schulklassen sowie Gäste aus dem In‑ und Ausland anbietet. Damit soll die Bildungsarbeit der IKG gestärkt und die Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte und Gegenwart in Wien gefördert werden.
- Wiedereröffnung nach umfangreicher Sanierung
- Schutz vor Antisemitismus und Betonung von Solidarität
- Interreligiöse Präsenz bei der Feier als politisches Signal
Die Feier im Stadttempel war musikalisch umrahmt; durch den Festakt führte die Sängerin Timna Brauer. Trotz der festlichen Stimmung mahnten Rednerinnen und Redner eindringlich, die Erinnerung wachzuhalten und auf wachsende Feindseligkeiten gegenüber Jüdinnen und Juden deutlich zu reagieren.
Für die Stadt Wien und die Republik markiert die Wiedereröffnung ein sichtbares Bekenntnis zur Vielfalt der religiösen und kulturellen Landschaft. In den Bezirken wird das sichtbare Zeichen des Stadttempels als Einladung verstanden, jüdisches Leben nicht als Randerscheinung, sondern als integralen Bestandteil der Stadtgesellschaft wahrzunehmen.
Die kommende Zeit wird zeigen, wie sich die verstärkte Bildungsarbeit und die verstärkte Präsenz des Stadttempels im öffentlichen Raum auf das Klima in Wien auswirken. Die politische wie gesellschaftliche Aufgabe bleibt, das Bekenntnis zur Vielfalt mit konkreten Maßnahmen gegen Intoleranz zu unterlegen.