Wien wird Ende August einmal mehr zu einem Knotenpunkt internationaler Geisteswissenschaft: Ab 24. August tagt in der Bundeshauptstadt der Internationale Kongress für Byzantinistik (ICBS). Nach zuletzt 1981 in Wien ausgerichteten Treffen erwartet das Organisationsteam diesmal rund 1.300 Forschende aus dem In- und Ausland. Der Kongress, der alle fünf Jahre stattfindet, steht unter dem Leitmotiv „Byzanz über Byzanz hinaus“ und will das spätantike und mittelalterliche Oströmische Reich als Resonanzboden für heutige Probleme befragen.
Alte Imperien als Brille für die Gegenwart
Die Byzantinistik nutzt die langen Datensätze des Mittelalters, um Fragen zu Klima, Gesellschaft und Politik zu bearbeiten. Die renommierte Byzantinistin Claudia Rapp, Präsidentin des Organisationskomitees, macht deutlich, dass historische Befunde aktuelle Debatten bereichern: In Dürreperioden habe es bereits damals auffallend mehr soziale Unruhen gegeben, was zu politischer Instabilität geführt habe. Diese Parallele zur heutigen Klimakrise lasse sich nutzen, um Resilienz und Vulnerabilität historischer Gesellschaften besser zu verstehen.
„Dass schon damals in Dürreperioden mehr soziale Unruhen entstanden“
Solche Einsichten sind nicht nur für Historiker von Interesse. Sie liefern Entscheidungsträgern und Stadtplanern Hinweise zur Abschätzung sozialer Folgen ökologischer Schocks — eine Brücke zwischen Fachdisziplin und Praxis, die in Wien immer wieder gesucht wird.
Geopolitik, Identität und historische Narrative
Der Kongress rückt aber auch die politische Instrumentalisierung von Geschichte in den Blick. Rapp weist darauf hin, dass byzantinische Erinnerung in heutigen geopolitischen Narrativen nachhallt. Ein Beispiel, das im Rahmen des Programms genannt wird: Die russische Darstellung der Christianisierung Kiews als „ureigenes russisches Anliegen“ wird historisch rekonstruiert und hinsichtlich ihrer politischen Funktion analysiert. Rapp verweist zudem auf aktuelle Monumentalisierungsversuche: In Sewastopol habe man in den vergangenen Jahren eine byzantinisch inspirierte Stadtanlage geschaffen, die Teil eines politischen Narrativs geworden sei.
Solche Fallstudien zeigen, wie historische Bilder genutzt werden, um territoriale oder kulturelle Ansprüche zu untermauern. Der ICBS versteht sich damit als Forum, das wissenschaftliche Präzision mit politischer Sensibilität verbindet — ein Gespräch, das in einer international vernetzten Stadt wie Wien auf fruchtbaren Boden trifft.
Wissenschaftlicher Austausch und lokale Wirkung
Mit rund 1.300 Teilnehmenden bringt der Kongress auch konkrete Impulse in die Stadt: Hotels, Universitätsinstitutionen und das wissenschaftliche Netzwerk profitieren von dem internationalen Austausch. Für Wiener Forschungseinrichtungen ist das Treffen eine Gelegenheit, lokale Projekte und Sammlungen einem internationalen Publikum zu präsentieren.
- Termin: ab 24. August
- Teilnehmende: rund 1.300 Forschende
- Leitthema: „Byzanz über Byzanz hinaus“
| Aspekt | Relevanz |
|---|---|
| Klimafolgen | Historische Analogien zu Dürre und Unruhen |
| Geopolitik | Nutzung byzantinischer Bilder in aktuellen Narrativen |
| Kulturelles Erbe | Diskussionen u. a. zu Chersones und Welterbe |
Der Kongress zeigt damit exemplarisch, wie historische Forschung in Wien nicht im Elfenbeinturm bleibt, sondern in Debatten zur Klimaanpassung, zur Erinnerungspolitik und zum Schutz von Kulturerbe hineinwirkt. Das Stichwort „Byzanz“ dient hier als historisches Labor: Es erlaubt, Langzeitverläufe und kulturelle Praktiken zu vergleichen und so für Gegenwartsfragen fruchtbare Perspektiven zu eröffnen.
Ausblick: Wissenschaft und Öffentlichkeit
Für die Stadt bedeutet die Präsenz von internationalen Expertinnen und Experten eine Chance, Wissenschaft sichtbarer zu machen. Museen, Archive und Universitäten können die Gelegenheit nutzen, ihre Bestände und Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zuzugänglich zu machen. In einer Zeit, in der Klima, KI und geopolitische Spannungen Alltagsrelevanz haben, liefert der ICBS Argumente und Daten für eine historisch informierte Gegenwartsanalyse — und macht Wien zu einem Treffpunkt, an dem Vergangenheit und Gegenwart produktiv aufeinandertreffen.
Die genaue Programmatik des Kongresses und öffentliche Begleitveranstaltungen werden von den Organisatoren noch bekanntgegeben; Expertinnen und Experten rechnen mit einer Bandbreite an Themen, die von Paläoklimatologie über Ikonographie bis zu digitalen Methoden der Forschung reicht.