Barockoper in moderner Formgebung
Im MusikTheater an der Wien steht ab dem 16. September 2026 Francesco Cavallis „La Calisto“ auf dem Spielplan. Die Produktion entstand als Koproduktion mit der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Als ungewöhnlich für ein Haus, das oft mit prallen Barockspektakeln in Verbindung gebracht wird, erscheint die künstlerische Linie: Intendant Stefan Herheim führt diesmal selbst Regie, verzichten aber bewusst auf reines Effektkino.
Die Bühnenbilder stammen von Silke Bauer, die eine zentrale Bildidee entwickelte: eine Art unendliche Röhre aus Bögen, eine technische Kulisse, die in Farbe und Stimmung variabel einsetzbar ist, gleichzeitig aber kühl und zeitgemäß wirkt. Die Kostüme von Yashi zeigen große Vielfalt und spielen mit historischen Elementen ebenso wie mit modernen Bezügen.
Weniger Spektakel, mehr Konzept
Die Inszenierung verzichtet weitgehend auf das barocke Spektakel, das Publikumserwartungen an Cavalli oft prägt. Von besonderer atmosphärischer Wirkung ist eine Szene vor der Pause: schwarz gekleidete Tänzer schaffen mit Lichtquellen einen Sternenhimmel. Ansonsten bleibt die Szene bewusst distanziert, gelegentlich entstehen Bilder, die an ein Kinoglas oder das Auge eines „Außenstehenden“ erinnern — ein Stilmittel, das nicht auf bloße Visualliturgie setzt.
„Hier kocht der Chef“
Die Entscheidung, den Regisseur-intendanten am Pult zu zeigen, bedeutet auch programmatisch etwas: Es geht nicht darum, die Oper in ein nostalgisches Barockgewand zu hüllen, sondern um eine Neudeutung, die Handlung, Figuren und visuelle Sprache neu ausbalanciert. Das hat Folgen für die Wahrnehmung im Publikum und für die Verortung der Oper im Spielplan des Hauses.
- Premiere: 16. September 2026
- Werk: „La Calisto“ von Francesco Cavalli (Uraufführung 1651)
- Regie und Intendanz: Stefan Herheim
- Bühne: Silke Bauer – zentrale Röhre aus Bögen
- Kostüme: Yashi
- Koproduktion: Staatsoper Unter den Linden Berlin
Antike Figuren im Gegenwartsbezug
Die Kostümierung spielt mit verschiedenen Epochen: Nymphen treten in klassischen Gewändern auf, teilweise mit Rekonstruktionen antiker Blicke; zugleich gibt es bewusste Brüche. Ein Beispiel aus der Produktion: Figuren wie Jupiter und sein Begleiter Mercurio treten in modernen Anzügen auf, rauchen, zücken Feuerzeuge und haben Handys — ein visueller Kommentar, der Mythologie und Gegenwart nebeneinander stellt. Die Verwandlung Calistos zur Bärin am Ende wird dabei nicht allein als Effekt inszeniert; das Pelzgewand, mit dem die Figur beginnt und die Bühne am Schluss verlässt, fungiert als Leitmotiv.
Musikalisch bleibt die Oper dem Barock verbunden, doch die szenische Lesart setzt andere Prioritäten: Atmosphärische Präzision statt opulentem Spektakel. Das ist ein bewusster Schritt des Hauses, dessen Programmplanung oft zwischen historischer Aufführungspraxis und zeitgenössischer Deutung vermittelt.
| Datum | Ort | Regie / Bühne / Kostüm |
|---|---|---|
| 16. September 2026 | MusikTheater an der Wien | Stefan Herheim / Silke Bauer / Yashi |
Für Wien bedeutet diese Produktion mehr als eine weitere Barockaufführung: Sie zeigt, wie das Haus versucht, klassische Stoffe mit einem modernen Regieansatz zu verbinden, ohne sich allein auf nostalgische Bilder zu stützen. Das hat Auswirkungen auf das Stammpublikum, das zwischen Traditionspflege und Experimentieren balanciert, und auf die kulturelle Positionierung des Hauses im städtischen Konzert- und Opernleben.
Die Frage, ob der zurückhaltendere, konzeptuellere Zugriff bei einem Stück wie „La Calisto“ Publikumserwartungen erfüllt oder herausfordert, bleibt offen — das Publikum der Premiere am 16. September wird zeigen, wie dieser Kurs in Wien ankommt.