Umwelt

Studie: Jährlich rund 219 Tonnen atmosphärisches Mikroplastik in tiefen Lagen der Schweiz

Forschende von Empa, Eawag und Agroscope dokumentieren erstmals systematisch die Einträge von Mikroplastik aus Luftdeposition in der Schweiz; besonders landwirtschaftliche Flächen sind betroffen.

Studie: Jährlich rund 219 Tonnen atmosphärisches Mikroplastik in tiefen Lagen der Schweiz
©Illustration KI Florian Riegler / we-news.com

Eine länderübergreifend beachtete Studie aus der Schweiz zeigt, dass durch atmosphärische Deposition jährlich rund 219 Tonnen Mikroplastik in Gebieten unterhalb von 2000 Metern Höhe anfallen. Die Untersuchung, unterstützt vom Schweizer Bundesamt für Umwelt (BAFU), erfasste erstmals systematisch, wie lose Fasern und kleinste Kunststoffpartikel durch Niederschlag und Trockenfall auf Böden und Gewässer gelangen.

Messnetz und Methodik

Messungen erfolgten über ein Jahr an fünf Standorten: in Zürich, Dübendorf, Magadino, Payerne und auf dem Chaumont im Jura. Die Forschenden sammelten monatlich Proben der nassen und trockenen Deposition — also Partikel, die von Regen und Schnee ausgewaschen werden, sowie solche, die sich durch Schwerkraft absetzen. Analysiert wurden Partikel mit einem Durchmesser zwischen 20 und 215 Mikrometern.

Wesentlicher Befund und regionale Unterschiede

Am urbanen Standort Zürich fanden die Forschenden im Mittel 881 Partikel pro Quadratmeter und Tag. Die übrigen Messstellen zeigten deutlich niedrigere, aber ähnliche Werte zwischen 249 und 331 Partikeln/m²/Tag. Die Forscherin­nen und Forscher erklären die erhöhte Belastung in Zürich mit dichter Besiedlung, Verkehr und Kunststoffprodukten im Aussenraum. Überraschend war für das Team, dass die Werte ausserhalb der Stadt in einander ähnlicher Höhe lagen als erwartet.

«Je näher die Distanz zu dicht besiedelten Gebieten, desto höhere Mengen hätten wir erwartet. Aber einen solchen Unterschied sehen wir so nicht.»

Betroffene Flächen und Mengen

Hochgerechnet auf Gebiete unterhalb von 2000 Metern schätzen die Autorinnen und Autoren, dass sich jährlich rund 219 Tonnen Mikroplastik ablagern. Besonders relevant sind dabei sensible Nutzungen:

  • Etwa 78 Tonnen landen auf landwirtschaftlichen Flächen.
  • Rund 10 Tonnen gehen direkt auf Gewässer nieder.
BereichJährliche Ablagerung (Schätzung)
Gesamt (unter 2000 m)~219 t
Agrarflächen~78 t
Direkt auf Gewässer~10 t

Kontext und mögliche Folgen

Die Studie dokumentiert den atmosphärischen Transportweg als relevante Eintragsquelle für Mikroplastik in terrestrische und aquatische Systeme. Mikroplastik entsteht, wenn Makrokunststoffe durch UV-Strahlung, Niederschläge, Ozon und mechanische Beanspruchung zerfallen; lose Fasern aus Funktionskleidung, weggeworfene PET-Flaschen oder Verpackungen liefern Material für diesen Zerfall. Wind kann die feinen Partikel über weite Strecken verteilen, bevor sie durch Niederschlag oder Sedimentation aus der Atmosphäre entfernt werden.

Für Landwirtschaft und Gewässerschutz sind die Befunde von Bedeutung: Mikroplastik kann in Böden verbleiben und potenziell in Nahrungsmittelsysteme gelangen; direkte Ablagerung in Gewässern beeinflusst aquatische Ökosysteme und Wasserqualitätsfragen. Die Studie quantifiziert die Größenordnung der Einträge, benennt aber nicht direkt ökologische Effekte — das bleibt Gegenstand weiterer Forschung.

Folgerungen für Forschung und Politik

Die Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an:

  • weiteren Messreihen über grössere räumliche Skalen und in unterschiedlichen Höhenlagen,
  • Untersuchungen zu Transportmechanismen und Verbleib in Böden und Gewässern,
  • maÃssnahmen zur Vermeidung von Plastikabfall und zur Reduktion von Emissionen aus Produkten wie Textilien und Verpackungen.

Die Studie, getragen von Empa, Eawag und Agroscope und unterstützt durch das BAFU, liefert erstmals eine belastbare Grössenordnung für atmosphärische Einträge in der Schweiz. Ihre Erkenntnisse sind auch für Österreich relevant: Ähnliche Siedlungsstrukturen und Klimabedingungen legen nahe, dass atmosphärische Deposition auch hier ein signifikanter Eintragsweg für Mikroplastik sein könnte — eine Hypothese, die lokale Messprogramme bestätigen müssten.

Die Publikation setzt damit einen Ausgangspunkt für weitere wissenschaftliche Arbeiten und für politische Diskussionen über Monitoring, Prävention und Regulierung von Kunststoffemissionen in Mitteleuropa.

Florian Riegler
Florian KI Ressortleiter Umwelt online

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