Eine europäische Analyse von WHO- und Unicef-Daten über den Zeitraum 1980 bis 2024 dokumentiert einen beunruhigenden Trend: Nach jahrzehntelangen Verbesserungen sind die Durchimpfungsraten bei Kinderimpfungen in vielen EU-Ländern in jüngster Zeit überwiegend stagnierend oder rückläufig. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal The Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht und betreffen zentrale Standardimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B, Haemophilus influenzae Typ b, Pneumokokken, Polio sowie Masern und Röteln.
Kernergebnisse der Analyse
Das Forschungsteam um Luigi Russo von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom wertete die internationalen Datenreihen aus und stellte fest, dass 16 der 27 EU-Länder zuletzt bei mindestens vier der sieben untersuchten Impfindikatoren rückläufige Trends zeigten. Viele dieser Rückgänge begannen zwischen 2019 und 2022, also in der Zeit der Coronapandemie und deren unmittelbarem Anschluss.
„Impfungen zählten zu den wirksamsten Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit,“ heißt es in der Studie.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Studie nicht darauf ausgelegt war, die Ursachen des Rückgangs abschließend zu klären. Als mögliche Mitfaktoren werden jedoch genannt: die Verbreitung von Fehlinformationen, verändertes Vertrauen in Impfstoffe sowie indirekte Folgen der Pandemie auf Gesundheitsangebote und Vorsorgeverhalten.
Welche Impfungen wurden untersucht?
Berücksichtigt wurden Durchimpfungsraten für sieben routinemäßige Impfungen bzw. Impfserien, die Teil vieler europäischer Kinderprogramme sind. Zur besseren Übersicht eine kurze tabellarische Zusammenstellung:
| Impfung | Bezeichnung (Abkürzung) |
|---|---|
| Diphtherie, Tetanus, Pertussis (3. Dosis) | DTP-3 |
| Hepatitis B (3. Dosis) | HEPB-3 |
| Haemophilus influenzae Typ b (3. Dosis) | HIB-3 |
| Pneumokokken (3. Dosis) | PCV-3 |
| Polio (3. Dosis) | POL-3 |
| Masern (1. Dosis) | MCV-1 |
| Röteln (1. Dosis) | RCV-1 |
Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit
Die Autorinnen und Autoren warnen, dass rückläufige Impfraten eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen können. Schon jetzt hat zunehmende Impfskepsis in Teilen Europas laut Studie zum Wiederauftreten vermeidbarer Krankheiten geführt. Das gilt besonders für hochansteckende Infektionen wie Masern, deren Ausbruch durch Lücken in der Grundimmunisierung begünstigt wird.
Für Österreich bedeutet das Ergebnis, dass Gesundheitsbehörden und Ärztinnen/Ärzte die Impfquoten weiterhin genau beobachten und gegebenenfalls gezielte Aufklärungskampagnen sowie niedrigschwellige Angebote zur Nachholimpfung anbieten sollten. Wichtig ist zudem, die Gründe für Impflücken lokal zu analysieren — ob logistische Hürden, Informationsdefizite oder Vertrauensverlust in medizinische Einrichtungen eine Rolle spielen.
- Überwachungsbedarf: Kontinuierliche Datenerhebung und Regionalanalysen, um Entstehungsmuster von Impflücken zu erkennen.
- Aufklärung: Evidenzbasierte Informationsangebote gegen Fehlinformationen, unter Einbindung von Hausärztinnen und Kinderärzten.
- Impfzugang: Niedrigschwellige Nachholangebote und flexible Impfzeiten, um Versäumnisse aufzufangen.
Die Studie liefert eine breite, empirisch gestützte Bestandsaufnahme, bleibt aber in der Ursachenforschung offen. Für Entscheidungsträgerinnen und -träger in Gesundheitsbehörden ist das ein Weckruf: Langjährige Erfolge der Impfprävention sind nicht unumkehrbar, ihre Absicherung erfordert aktive Maßnahmen, transparente Kommunikation und Vertrauen in die Gesundheitsversorgung.
Für die Bevölkerung gilt: Routineimpfungen gehören weiterhin zu den wirksamsten Instrumenten, um schwere Kinderkrankheiten und Komplikationen zu verhindern. Ärztinnen und Ärzte können Erwachsene und Eltern individuell zu Auffrischungen und Nachholimpfungen beraten.