Auf dem Schusterplatz: Ein halbes Stündchen Schweigen im Freien
Sonntagmorgen, 10 Uhr, Schusterplatz auf dem Ölberg: Unter einem Baum sitzen elf Personen im Kreis auf Decken und Stühlen. Sie tun nichts anderes, als gemeinsam zu schweigen. Nach etwa einer halben Stunde nehmen die Teilnehmenden einander an die Hände und hören der Stimme der Organisatorin zu, bevor sie aufstehen und auseinandergehen. Die Initiative heißt „Gemeinsam sitzen, schweigen, sein. Für den Frieden.“
Die Treffen sind keine religiöse Veranstaltung, sondern ein Angebot zur Achtsamkeit und zum bewussten Innehalten, erklärt die Leiterin, Anne Prenzler, die hauptberuflich als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeitet. Die Übungen reichen vom bewussten Wahrnehmen des Bodens unter den Füßen bis zum Fokussieren auf Atem oder Hören: Wind in den Blättern, spielende Kinder auf dem nahegelegenen Spielplatz, das Geräusch einer Schaukel. Für viele Teilnehmerinnen ist dies ein bewusster Kontrapunkt zur zunehmenden Überforderung angesichts globaler Krisen und persönlicher Belastungen.
Persönliche Erfahrung und lokale Praxis
Beate Müller, eine regelmäßige Teilnehmerin, beschreibt die Wirkung schlicht: Das gemeinsame Schweigen mache sie „ganz ruhig“, sagt sie, und ermögliche ihr, den Tag anders zu beginnen. Manche der Anwesenden entscheiden sich vorher, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten wollen – Atmung, Hören oder das Erspüren der Verbindung zur Umwelt. Die Atmosphäre wirkt offen: Passanten schauen interessiert, manche lächeln, andere beobachten weiter das Kind auf der Schaukel.
Aus dem Ölberg-Hub entstanden: Verankerung im Stadtteil
Die sonntäglichen Runden sind eine Ausweitung einer seit zwei Jahren laufenden Praxis im Ölberg-Hub. Dort treffen sich Menschen jeden Donnerstag um 6.15 Uhr zu einer 45-minütigen Morgenmeditation. Die Regelmäßigkeit hat offenbar lokale Resonanz erzeugt: Die Formate verbinden frühe Morgenpraxis mit einem öffentlich zugänglichen Angebot am Wochenende und bieten so unterschiedliche Zeitfenster für Nachbarinnen und Nachbarn.
- Ort: Schusterplatz, Ölberg (offener Treff im Freien)
- Sonntagstermin: 10 Uhr, Dauer: rund 30 Minuten
- Donnerstagstermin im Ölberg-Hub: 6.15 Uhr, Dauer: 45 Minuten
„Das Schweigen macht mich ganz ruhig. Und ja, ich bin dann anders. Ich kann mich vorab entscheiden, was ich mache.“ — Teilnehmerin Beate Müller
Bedeutung für Nachbarschaft und Öffentlichkeit
Solche niederschwelligen Angebote lassen sich als eine Form lokaler Resilienz lesen: Sie bieten Ankerpunkte im Alltag, fördern Austausch und zeigen, dass kollektive Rituale nicht immer laut oder groß sein müssen, um Verbindung zu stiften. Gerade in urbanen Quartieren wie dem Ölberg, wo öffentliche Räume knapp und vielfältig genutzt werden, schafft die sichtbare Praxis des gemeinsamen Schweigens einen neuen Bezugspunkt.
Obwohl nur eine kleine Gruppe vor Ort sitzt, ist die Wirkung über den Kreis hinaus spürbar: Gespräche über Gemeinschaft, Lebensqualität und mentale Gesundheit werden angestoßen. Die Kombination aus regelmäßigen Treffpunkten unter der Woche und einem offenen Sonntagstermin spricht unterschiedliche Bedarfe an — von Frühaufstehern bis zu denen, die das Wochenende zur Sammlung nutzen.
| Treffen | Wochentag | Uhrzeit | Dauer |
|---|---|---|---|
| Öffentliches Schweigen | Sonntag | 10:00 | ca. 30 Minuten |
| Morgenmeditation (Ölberg-Hub) | Donnerstag | 6:15 | 45 Minuten |
Für viele Teilnehmende ist die Praxis einfache, aber konstante Hilfe gegen ein Gefühl der Hilflosigkeit: kleine Rituale, die Aufmerksamkeit und Gemeinschaft herstellen. In Zeiten multipler Krisen bleibt dies eine lokale Antwort, die im Kleinen wirkt, aber im Alltag nachhaltig sein kann.