In Bielefeld wurden am Freitagabend in der Hechelei die diesjährigen BigBrotherAwards verliehen. Der Negativpreis der Bürgerrechtsorganisation Digitalcourage richtet sich an Unternehmen, Institutionen und Politiker, die nach Ansicht des Vereins besonders nachlässig oder problematisch mit personenbezogenen Daten umgehen. Zu den insgesamt ausgezeichneten Akteuren zählen unter anderem die Optikerketten Apollo-Optik und Fielmann, die EU-Kommission, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sowie die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
Vorwürfe gegen Vertrieb von „Smart Glasses“
In der Kategorie „Technik“ kritisierte Digitalcourage insbesondere den Verkauf von sogenannten Smart Glasses durch große Optik-Ketten. Die Brillen, die Kameras und Funktionen auf Basis künstlicher Intelligenz integrieren, seien seit Oktober 2023 in deutschen Filialen erhältlich und werden von Datenschützern als Risiko für die Privatsphäre betrachtet. Die Laudatorin Elisabeth Niekrenz machte deutlich, welche Folgen sie sieht:
„Mit dem Verkauf dieser Brillen, die auch als Stalker-Ware bezeichnet werden können, normalisieren die Optiker die Überwachung und machen sich mitschuldig.“
Digitalcourage bemängelt, die Geräte ermöglichten heimliche Bild- und Tonaufnahmen im öffentlichen Raum und würden damit insbesondere Frauen zu Opfern ausbeuterischer Nutzung machen. Die betroffenen Unternehmen bestreiten die Vorwürfe; sie verweisen darauf, dass die Brillen bei Videoaufnahmen eine deutlich sichtbare Anzeige zeigen.
EU-Gesetzgebung und die Gefahr großflächiger Datennutzung
Die EU-Kommission erhielt einen Preis in der Kategorie „Europa“ für das Gesetzesvorhaben „Digitaler Omnibus“. Der sogenannte Omnibus enthält zahlreiche Änderungsanträge und soll bestehende Regelungen vereinfachen. Kritiker sehen in einer definierten Auslegung personenbezogener Daten jedoch eine Legitimation, personenbezogene Daten für das Training von Künstlicher Intelligenz zu verwenden.
„Mit der Gesetzesänderung ist in Zukunft auch das Training von KI mit personenbezogenen Daten erlaubt, denn solange es zweckbezogen ist, gilt das als berechtigtes Interesse des Verarbeiters“,
erklärte Laudator Ralf Bendrath, der als Politikwissenschaftler zu Digitalpolitik und Datenschutz arbeitet. Die Sorge: Eine zu weite Definition könnte die Rechte Betroffener schwächen und neue Formen umfangreicher Datenverarbeitung erleichtern.
Kirche, Staat und die Frage nach Cloud-Diensten
In der Kategorie „Zivilgesellschaft“ richtete sich die Kritik an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland. Digitalcourage bemängelte, dass das Landeskirchenamt Gemeinden per IT-Vorgabe zur Nutzung von Diensten wie Microsoft 365 verpflichtet habe. Sensible Informationen aus Seelsorge und dem Engagement vor Ort könnten damit in die Cloud eines US-Konzerns verlagert werden, statt auf datenschutzkonforme Alternativen gesetzt zu werden.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt wurde dem Bericht zufolge in der Kategorie Behörden und Verwaltung ausgezeichnet. Anlass für die Kritik war die geplante Nutzung der Steuer-Identifikationsnummer als behördenübergreifendes Kennzeichen im Rahmen der Registermodernisierung; Digitalcourage warnte vor der Entstehung umfassender Persönlichkeitsprofile.
Konsequenzen und lokale Einordnungen
Die Verleihung in Bielefeld setzt ein öffentlichkeitswirksames Zeichen und lenkt die Debatte um Datenschutz, staatliche Register und die Rolle großer Tech-Dienstleister erneut in den Fokus. Für Verbraucherinnen und Verbraucher vor Ort bedeutet das gestiegene Aufmerksamkeit bei der Nutzung neuer Geräte und Dienste: Beim Erwerb von vernetzten Produkten, bei der Nutzung von Cloud-Diensten für Vereine und Kirchengemeinden sowie bei staatlichen Modernisierungsprojekten sind mögliche Folgen für die Privatsphäre genau zu prüfen.
- Ort: Hechelei, Bielefeld
- Veranstalter: Verein Digitalcourage
- Hauptkritik: Verkauf von Smart Glasses, EU-Gesetzgebung zum digitalen Omnibus, Nutzung von Microsoft-Diensten in kirchlichen Strukturen, Registermodernisierung
| Kategorie | Ausgezeichnete | Grund |
|---|---|---|
| Technik | Apollo‑Optik, Fielmann | Vertrieb von Smart Glasses, Risiko für Privatsphäre |
| Europa | EU‑Kommission | Digitaler Omnibus, Ausweitung der Nutzung personenbezogener Daten |
| Zivilgesellschaft | Evangelisch‑Lutherische Kirche in Norddeutschland | IT‑Vorgaben, Verlagerung in Cloud‑Dienste |
| Behörden/Verwaltung | Bundesinnenminister Alexander Dobrindt | Pläne zur Nutzung der Steuer‑ID als behördenübergreifendes Kennzeichen |
Die Debatte bleibt damit offen: Datenschützer fordern strengere Vorgaben und transparente Alternativen, während Unternehmen und Behörden häufig auf technische Lösungen und Effizienz verweisen. In Bielefeld hat die Verleihung der BigBrotherAwards die Diskussion neu entfacht und lokale Akteure, von Optikern bis zu Kirchengemeinden, daran erinnert, wie sensibel das Thema Datenschutz weiterhin ist.