Neurologische Erkrankungen sind nicht ausschliesslich Schicksal, sagt Claudio Bassetti. Der 67-jährige Neurologe und Dekan der Universität Bern betont, Prävention und Lebensstil hätten erheblichen Einfluss auf die Gesundheit des Gehirns. Mit dem von ihm initiierten Swiss Brain Health Plan fordert Bassetti eine stärkere nationale Ausrichtung auf Vorbeugung, Früherkennung und die Verzahnung von Neurologie und Psychiatrie.
Prävention und Kosten
Bassetti verweist auf die Ausmasse: Hirnerkrankungen — darunter Demenzen, Schlaganfälle, Parkinson, Migräne und Schlafstörungen sowie psychische Erkrankungen wie Depression und Angststörungen — verursachen gemäss ihm rund 20 Prozent der Gesundheitsausgaben. Zugleich betreffen diese Erkrankungen nach seinen Angaben mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund sieht er Prävention als einen zentralen Ansatz, um Leid zu verringern und die finanziellen Lasten des Gesundheitssystems zu dämpfen.
"Wir realisieren immer mehr, wie wichtig die Prävention von Hirnerkrankungen geworden ist."
Lebensstil, Schlaf und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Bassetti kritisiert, dass das Gehirn in der öffentlichen Wahrnehmung oft weniger Beachtung erhalte als Herz und Muskeln. Regelmässiges Training für Herz und Muskulatur sei bei vielen selbstverständlich, für das Gehirn hingegen nicht. Aus seiner Sicht gehören Schlaf, körperliche Aktivität und die Behandlung von kardiovaskulären Risikofaktoren zu den Eckpfeilern der Hirngesundheit. Ebenso wichtig sei die engere Zusammenarbeit zwischen Neurologie und Psychiatrie: „Das Gehirn unterscheidet nicht danach, ob eine Krankheit vom Psychiater oder von der Neurologin behandelt wird“, so Bassetti.
- Schlaf wird laut Bassetti zunehmend als zentraler Baustein für die Hirngesundheit anerkannt.
- Körperliche Aktivität und kardiovaskuläre Prävention gelten als Grundpfeiler zur Verringerung des Risikos für Demenz und Schlaganfall.
- Psychische Gesundheit und neurologische Erkrankungen müssen vernetzter betrachtet werden, da Symptome beide Bereiche betreffen können.
Konsequenzen für Gesundheitspolitik und Versorgung
Die von Bassetti aufgezeigten Fakten haben unmittelbare Folgen für die Gesundheitsstrategie: Wenn Hirnerkrankungen einen derart grossen Anteil der Ausgaben beanspruchen und so viele Menschen betreffen, liegt ein Schwerpunkt in der Schweiz auf Massnahmen, die das Auftreten dieser Erkrankungen verzögern oder vermindern. Dazu gehören breitere Präventionsprogramme, frühzeitige Interventionen in der Lebensmitte und ein Ausbau von Angeboten zur Behandlung von Schlafstörungen und psychischen Erkrankungen.
| Problemgruppe | Beispiele |
|---|---|
| Neurologische Erkrankungen | Demenzen, Schlaganfall, Parkinson, Migräne, Schlafstörungen |
| Psychische Erkrankungen | Depression, Angststörung |
Bassetti plädiert zudem dafür, die Versorgungsstrukturen so zu gestalten, dass Neurologie und Psychiatrie nicht in Silos arbeiten, sondern Patientinnen und Patienten integrativ betreut werden. Insbesondere bei Symptomen wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen lasse sich nicht immer sauber zwischen neurologischer und psychiatrischer Ursache trennen; hier seien abgestimmte Behandlungswege sinnvoll.
Fazit
Die Kernaussage von Claudio Bassetti ist eindeutig: Hirngesundheit verdient in Prävention, Forschung und Versorgung deutlich mehr Gewicht. Die Kombination aus Lebensstiländerungen, besserer Früherkennung und einer engere Zusammenarbeit zwischen Fachrichtungen könne nicht nur individuelles Leid vermindern, sondern auch die finanzielle Belastung des Gesundheitssystems mildern. Der Swiss Brain Health Plan soll diese Ansätze national verankern und die Aufmerksamkeit für das Thema schärfen.
Ob und wie schnell Politik und Gesundheitswesen die vorgeschlagenen Massnahmen umsetzen, bleibt offen. Die Debatte um mehr Prävention und vernetzte Versorgung dürfte in den kommenden Jahren jedoch an Bedeutung gewinnen.