Die Salzburger Festspiele haben heuer im Mozarteum eine zweitägige Konzertreihe dem italienischen Komponistinnenporträt von Francesca Verunelli gewidmet. Mit zwei Konzerten und einem Terrassentalk stellte das Festival die Künstlerin und ihr Verhältnis zur menschlichen Stimme vor und zeigte zugleich die Verbindung ihrer Werke zu Musiktraditionen der Renaissance.
Stimme als Ausgangspunkt zeitgenössischer Komposition
Bei einem Terrassentalk am Dienstagnachmittag erläuterte Verunelli, wie zentral die Stimme für ihr Schaffen geworden ist. Sie beschrieb die Stimme nicht nur als klanglichen Ursprung, sondern als einen Bereich, der zahlreiche, bislang wenig genutzte Gestaltungsmöglichkeiten biete. In ihren Arbeiten versucht sie, die verschiedenen Facetten vokaler Klanglichkeit zu erforschen – von kindlichen Ursprüngen bis zu voll ausgebildeten Stimmen.
„Sie spielt eine immer wichtigere Rolle, denn ich habe sehr lang gewartet, bevor ich mich an die Stimme herangewagt habe. Die Stimme ist der Ursprung jeglichen Klanges. Sie ist die erste Vibration, die wir erfahren, die erste Schwingung im Leben“, sagte Verunelli.
Die Auseinandersetzung mit der Stimme zeigt sich nicht nur in vokalen Solopassagen, sondern auch in der Interaktion mit Instrumenten und historischen Aufführungspraxen. Verunelli betonte, dass sie sich langsam an die vokale Sphäre herangetastet habe, weil diese einem anderen Regelsystem folge als Instrumentalmusik.
Historische Bezüge: Nicola Vicentino und das geteilte Oktavensystem
Im Eröffnungskonzert mit dem Titel „Strana Armonia d'Amore“ konfrontierte Verunelli eigene Kompositionen mit Werken und Klangvorstellungen aus der Renaissance. Im Mittelpunkt stand dabei der italienische Theoretiker und Erfinder Nicola Vicentino, der im 16. Jahrhundert mit alternativen Stimmungssystemen experimentierte und die Oktave in bis zu 31 Teile gliederte. Solche Temperaturierungen eröffnen nach Verunelli andere harmonische Farben und unerwartete klangliche Räume.
Mit dem Ensemble „Les Cris de Paris“ erarbeitete sie Passagen, die für heutige Ohren ungewohnte Intervallverhältnisse und mikrotonale Nuancen erfahrbar machten. Die Kombination von alten Kompositionsprinzipien und moderner Klangsprache sollte zeigen, wie historische Denkmodelle zeitgenössische Kompositionspraktiken inspirieren können.
Programmatischer Schritt der Festspiele
Der Konzertchef Axel Hiller, der die Schwerpunktidee eingebracht hat, erklärte, die Festspiele wollten sich neben der Beschäftigung mit den „Klassikern der Moderne“ stärker auf Gegenwartsmusik einlassen. Die Verunelli-Reihe ist Teil dieses Ansinnens, Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart mehr Raum zu geben und neue Hörperspektiven im Festivalprogramm zu verankern.
- Ort: Mozarteum, Salzburg
- Format: Zwei Konzerte plus Terrassentalk
- Schwerpunkte: Stimme, Renaissance-Theorien, mikrotonale Stimmungen
Für Salzburg bedeutet das Programm eine bewusste Öffnung gegenüber experimentellen Klangwelten innerhalb eines etablierten Festivals, das traditionell stark mit historischen Werken verknüpft ist. Die Entscheidung, eine zeitgenössische Komponistin prominent zu platzieren, signalisiert eine programmatische Balance zwischen Bewahrung und Innovation.
| Aspekt | Beschreibung |
|---|---|
| Komponistin | Francesca Verunelli |
| Veranstalter | Salzburger Festspiele / Mozarteum |
| Anzahl Konzerte | 2 |
| Themenschwerpunkte | Stimme, Renaissance-Stimmungen (Vicentino), Gegenwartskomposition |
Konsequenzen für Publikum und Musikbetrieb
Für Konzertpublikum und Fachkreise eröffnet die Reihe eine Gelegenheit, mikrotonale und vokal orientierte Kompositionsansätze im direkten Vergleich mit historischen Modellen zu erleben. Das kann Hörerwartungen verschieben und Diskussionen über Aufführungspraxis, Stimmtechnik und Notationskonventionen anregen. Für lokale Ensembles und Bildungseinrichtungen sind solche Formate Anstoß, zeitgenössische Literatur in Lehrpläne und Programme zu integrieren.
Ob die Festspiele in den kommenden Jahren weitere Porträtreihen zu lebenden Komponistinnen und Komponisten einrichten, bleibt abzuwarten. Festzuhalten ist jedoch, dass das Mozarteum heuer ausdrücklich als Ort für einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart fungiert – und dass Stimmen dabei als ein besonders ergiebiges Feld erscheinen.
Die Reihe zeigt, wie Salzburgs größtes Kulturfestival versucht, seine historische Identität mit zeitgenössischen Impulsen zu verknüpfen, ohne dabei die analytische Neugier auf klangliche Grundlagen zu vernachlässigen.