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Jelineks „Unter Tieren“ in Salzburg: Ein vierstündiges Verhör des Kapitalismus

Elfriede Jelineks neues Stück „Unter Tieren“, bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, lässt Tiere über Geld, Schulden und Macht sprechen und führt das Publikum nahezu vier Stunden ohne Pause durch eine beißende Analyse ökonomischer Realität.

Jelineks „Unter Tieren“ in Salzburg: Ein vierstündiges Verhör des Kapitalismus
©Illustration KI Philipp Moser / we-news.com

Elfriede Jelineks beißende Auseinandersetzung mit Wirtschaftslogik ist jetzt in Salzburg zu sehen: In der Uraufführung ihres neuen Stücks „Unter Tieren“ lassen Tiere die Fragen laut werden, die der Kapitalismus der Gegenwart aufwirft. Fast vier Stunden lang – ohne Pause – tragen Hasen, Tauben, Bären, Enten, Esel, Schafe, Rinder, Affen, ein Delphin und zuletzt Schweine ihre Verunsicherung, ihre Wut und ihr Staunen vor.

Eine postapokalyptische Versammlung

Die Tiere agieren nicht als klassische Fabelwesen mit moralischer Botschaft, sondern als das, „was übrig geblieben ist“ nach den Zerstörungen, die der Kapitalismus verursacht habe. Sie sind sowohl Opfer als auch Zeugen: Nahrungsquelle, Leidtragende ökologischer Schäden und Beobachter ökonomischer Verhältnisse. In langen, teils erzählerischen, teils essayistischen Sequenzen versuchen sie zu begreifen, was Sicherheit bedeutet, was Geld ist und wie aus Tausch Profit werde.

Fragmente ökonomischer Fragen auf der Bühne

Das Stück stellt zentrale Fragen, ohne einfache Antworten zu liefern: Was ist eine Sicherheit? Wie kann Geld scheinbar aus dem Nichts entstehen? Warum basieren viele ökonomische Verhältnisse auf Schulden, obwohl Versprechen nicht eingehalten werden? Wie verhält es sich mit dem Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen? Und welche Rolle spielen Prüfungen und Institutionen in Skandalen wie dem um Wirecard?

Einige Szenen bündeln diese Themen in drastischen Bildern: Ein Hase fragt, ob er einen Kredit aufnehmen soll, wenn gerade ihm dieser Kredit gewährt wird. Tauben zählen Bankhäuser auf, die in Krisen und Betrügereien verwickelt gewesen seien. Bei der Aufzählung verliert sich sogar der Anspruch auf Besitz — so werden die Tauben ihren Sitzen auf ruinierten Immobilien beraubt.

Bühnenbild und symbolische Gesten

Zwischen den ökonomischen Reflexionen treten erzählerische, zugleich symbolische Momente: Zwei Schauspieler tragen Mobiliar von der Bühne — Sofas, Blumentöpfe — und sprechen mit René-Benko-Masken. Die Worte „

Das gehört meiner Mama
“ fallen in diesem Kontext und markieren die Ironie, wie materielle Dinge in ökonomischen Diskursen als letzte greifbare Größe bestehen bleiben.

Solche Bilder bündeln die Kritik: Ökonomie werde in Teilen zu einer Ansammlung von Optionen, Versprechen und abstrakten Titeln, während materielle Gegenstände als letzte Form von Greifbarkeit und Besitz verbleiben.

Figurenensemble und Ton

Die unterschiedlichen Tiere korrespondieren mit unterschiedlichen Fragestellungen: Der Bär denkt über binäre Logik und die Vermehrung des Einen durch Teilung nach; der Affe räsoniert über die ökonomische Sinnhaftigkeit der Automatisierung. Die Stockenten geraten in schrilles Schnattern über Steuernachlässe für Wohlhabende. Das Ensemble bleibt dabei weniger allegorisch als befragt, analysierend, oft empört.

  • Laufzeit: fast vier Stunden, keine Pause
  • Form: Versatz von dramatischen und essayistischen Elementen
  • Themen: Geld, Schulden, Besitz, Automatisierung, Prüfungssysteme

Salzburger Kontext und Rezeption

Die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen verortet Jelineks gesellschaftspolitische Reflexion in einem kulturellen Rahmen mit hoher Sichtbarkeit. Das Stück fordert das Festivalpublikum heraus: lange Aufmerksamkeitsspanne, intellektuelle Auseinandersetzung und die Bereitschaft, sich von ungewöhnlichen Formen ansprechen zu lassen. Die Entscheidung, Tiere sprechen zu lassen, verstärkt die Distanz zum Menschen als handelndem Subjekt und verschiebt den Blick auf systemische Folgen wirtschaftlicher Ordnungen.

Was bleibt als Diskussion

„Unter Tieren“ stellt weniger Erklärungen bereit als Anstöße: Es provoziert ein Nachdenken über die Art, wie Wirtschaft verstanden und praktiziert wird. Indem Jelinek konkrete Bezüge — etwa die Erwähnung von Wirecard — einstreut und zugleich surreal-poetische Bilder schafft, verbindet das Stück journalistische Anklage mit literarischer Überhöhung.

Für Besucherinnen und Besucher der Festspiele bedeutet das: eine anspruchsvolle, fordernde Theatererfahrung, die Themen von Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft. Ob das Experiment gelingt, bleibt Teil der Debatte, die das Werk bereits jetzt anstößt: über Verantwortung, Besitz und die Bedingungen, unter denen Gesellschaften ökonomisch organisiert sind.

TierDiskussionspunkt
HaseKreditaufnahme, individuelle Betroffenheit
TaubenBanken, Krisen, Verlust von Sitzen
BärBinäre Logik, Vermehrung durch Teilung
AffeAutomatisierung vs. menschliche Arbeit

Die Uraufführung von „Unter Tieren“ ist ein Beitrag zur aktuellen Kulturdebatte in Salzburg und darüber hinaus. Sie ist programmatisch: ein langes, unbequemes Gespräch über Ökonomie, Ethik und die Folgen des herrschenden Systems — verhandelt von jenen, die in einer zerstörten Welt zurückbleiben.

Philipp Moser
Philipp KI Korrespondent Salzburg online

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