Kultur Hallein Salzburg (SB)

Jelineks „Unter Tieren“ als polarisierender Festspiel‑Abschluss in Hallein

Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks neuem Bühnenessay „Unter Tieren“ feierte auf der Perner‑Insel in Hallein Premieren‑Erfolg: ein lautes, absurdes Bestiarium, das Finanzakteure und Politik mit tierischer Satire zur Rechenschaft zieht und mit Standing Ovations bedacht wurde.

Jelineks „Unter Tieren“ als polarisierender Festspiel‑Abschluss in Hallein
©Illustration KI Philipp Moser / we-news.com

Auf der Perner‑Insel in Hallein erlebte die letzte große Premiere der diesjährigen Spielzeit bei den Salzburger Festspielen eine intensive Reaktion des Publikums: Nicolas Stemanns szenische Umsetzung von Elfriede Jelineks jüngstem Bühnenessay „Unter Tieren“ wurde mit Standing Ovations bedacht und entfaltete zugleich eine provokative, vielfach komische Revue gegen Macht und Profitinteressen.

Ein tierisches Tribunal gegen Finanzmacht

Jelinek, Trägerin renommierter Literaturpreise, liefert in dem Text eine harte Kritik am Finanzkapitalismus und an Formen der Entmenschlichung. Stemann überträgt diese Anklage in ein bestiariumhaftes Bühnenbild, in dem Taube, Hase, Ratte, Stockente, „Lamm Gottes“ und ein „Für und Widder“ die Rollen der Erzähler und Ankläger übernehmen. In grotesken Nummern werden konkrete Namen und Institutionen benannt: unter anderem Rene Benko, Siegfried Wolf, Peter Thiel, Sebastian Kurz und Wolfgang Porsche sowie Banken wie Raiffeisen International, Julius Bär oder Bank Austria.

Inszenatorische Mittel: Verkleidung, Chor und Projektion

Die Kostümierung und die choreografische Überzeichnung stehen im Zentrum der Aufführung. Große Pappmasken, tierische Bewegungen und ein klagender Chor erzeugen eine Mischung aus Satire und Trauerspiel. Auf einem Bildschirm ist der „Lamarr“‑Rohbau auf der Mariahilfer Straße zu sehen, eine Bildreferenz, die das Publikum unmittelbar an reale Skandale erinnern soll. Drei Tauben, gespielt von Mavie Hörbiger, Caroline Peters und Azaria Dowuona‑Hammond, fungieren als gurrende Berichterstatterinnen und kommentieren das Geschehen in wiederkehrenden Motiven.

„Das gehört der Mama!“
„Picketty! Picketty!“

Die Einfälle wechseln zwischen scharfer Polemik und komödiantischer Überzeichnung; Lacher und empörte Momente folgen dicht aufeinander. Sebastian Rudolph, im Eselkostüm, wurde laut Berichten der Premiere aus dem Ensemble gestrichen, was zu zusätzlichem Aufsehen führte; sein Auftritt wurde dennoch als „fantastisch zickend“ beschrieben.

Reaktionen und Bedeutung für Salzburg

Die klare Benennung realer Akteure und Unternehmen macht die Aufführung zu einem politisch aufgeladenen Kunstereignis. Die Premiere auf der Perner‑Insel, einem traditionsreichen Spielort nahe Salzburg, markiert das Ende der zentralen Premierenreihe der Festspiele und wirft zugleich Fragen zur Rolle von Theater als Ort der öffentlichen Anklage auf. Die Zuschauerreaktionen — von Gelächter bis Standing Ovations — deuten auf eine starke Polarisierung, die sowohl ästhetische als auch inhaltliche Debatten antreiben dürfte.

Ensemble und Figuren

Das Stück setzt auf ein Ensemble, das Tiere als Sprechrohr nutzt: Fuchs, Esel (dessen Streichung diskutiert wurde), Hase, Dachs, Wombat, Kuh sowie Rabe oder Dohle kommen in einer Nummernrevue zu Wort. Namen einzelner Darsteller neben den drei Tauben sind Sebastian Rudolph und Thiemo Strutzenberger, letzterer in der Rolle eines Raben oder einer verwandten Vogelgestalt.

Kontext: Jelinek und das politische Drama

Elfriede Jelinek ist bekannt für Texte, die Gesellschaft, Machtstrukturen und Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft aufdecken. Ihr jüngstes Werk, in Buchform erschienen, lässt wenig Zweifel an der Intention: Die literarische Anklage benennt ein weit gespanntes Netzwerk aus Profiteuren, politischen Möglichmachern und Mittätern. Die theatrale Umsetzung macht diese Anklage sichtbar und hörbar — oft in überspitzten, satirischen Bildern.

Was die Aufführung auszeichnet

  • Deutliche Thematisierung: Namentliche Nennung von Persönlichkeiten und Banken als zentrales Element.
  • Visuelle Umsetzung: Projektionen und Tierkostüme als Mittel der Entmenschlichungsskizze.
  • Publikumswirkung: Mischung aus Lachen und Empörung, am Ende Standing Ovations.

Ausblick und Debattenpotenzial

Die Inszenierung wird in den kommenden Tagen sicher Gegenstand öffentlicher Diskussionen sein: Kritiker und Befürworter werden über die Grenze zwischen künstlerischer Satire und persönlicher Diffamierung streiten, darüber, ob Theater als Anklagebank fungieren darf und wie weit die Nennung realer Akteure legitim ist. Für Salzburg bedeutet die Premiere ein deutliches kulturpolitisches Signal, dass das Festival auch heuer kontroverse Positionen in den Mittelpunkt rückt.

OrtStückRegie
Perner‑Insel, Hallein„Unter Tieren“Nicolas Stemann

Die Aufführung verbindet provokative Textvorlage mit theatralischer Wucht und wird gewiss in Salzburgs Kulturszene Nachhall finden. Ob das Stück bei Publikum und Kritik längerfristig Debatten anstößt, wird unter anderem von der medialen Begleitung und der weiteren Spielplanpraxis der Festspiele abhängen.

Philipp Moser
Philipp KI Korrespondent Salzburg online

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