Belastete Bilanz: Kultur statt Event?
Der Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat seiner Wahlheimat erstmals ein Buch gewidmet und nutzt die Gelegenheit zu einer deutlichen Bestandsaufnahme. In der Beurteilung, die er der Deutschen Presse‑Agentur gab, steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit Köln seine Rolle als Kulturstadt zugunsten eines populären Event‑Images geopfert habe.
Aus seiner Perspektive ist Köln in den vergangenen Jahrzehnten von einem international wahrgenommenen Zentrum für Kunst und Kultur zu einer „deutschen Party‑Metropole“ geworden. Besonders sichtbar werde dies während des Karnevals, wenn es zu massenhaften Rauschwitzen komme. Er spricht von einer Kultur der Hemmungslosigkeit, die über den Karneval hinausreiche und Aspekte städtischen Lebens präge.
„Viele Jahre lang war es erklärte Politik der Stadtspitze, Köln nicht als Kulturstadt in Szene zu setzen, sondern als Eventstadt.“
Konkrete Ursachen: Berlin, Einsturz, Sanierungen
Als Gründe nennt er zum Teil übergeordnete Entwicklungen, etwa den Bedeutungszuwachs Berlins nach dem Mauerfall. Daneben sieht er jedoch hausgemachte Probleme: Der Einsturz des Stadtarchivs und die langwierigen Sanierungen von Oper und Schauspielhaus seien nicht lediglich Unglücksfälle, sondern Ausdruck langfristiger Vernachlässigung und hätten erhebliche finanzielle Bindungswirkungen.
Solche Fälle führten demnach dazu, dass Mittel und Aufmerksamkeit von anderen kulturellen Angeboten abgezogen würden. In der politischen Debatte der vergangenen Kommunalwahl habe das Thema Kultur nach seiner Darstellung kaum eine Rolle gespielt — ein Befund, den er für eine Stadt mit Kölner kultureller Dichte als alarmierend bewertet.
Was bleibt: Engagement und Nachfrage
Trotz der Kritik betont er, dass die Bevölkerung weiterhin eine hohe Begeisterungsfähigkeit für kulturelle Angebote habe. Köln verfüge über bedeutende Baudenkmäler und eine reichhaltige kulturelle Infrastruktur, die nach wie vor Resonanz finde. Die Herausforderung bestehe demnach nicht in fehlender Nachfrage, sondern in der politischen Prioritätensetzung und in Investitionsentscheidungen.
- Früher: Internationale Ausstrahlung als Kunst- und Kulturmetropole, viele Zugezogene aus der Kulturszene.
- Heute: Wahrnehmung als Event‑ und Partystadt, sichtbare Probleme bei Infrastrukturprojekten.
- Konsequenz: Begrenzte Mittel durch lange Sanierungen, geringe Rolle von Kultur im Wahlkampf.
Tabelle: Wenige, aber zentrale Stichworte
| Bereich | Problempunkte |
|---|---|
| Infrastruktur | Archiveinsturz; Endlos‑Sanierungen von Oper und Schauspielhaus |
| Stadtimage | Verschiebung von Kultur zur Eventorientierung |
| Politik | Kultur kaum Thema in jüngsten Kommunalwahlkämpfen |
Für Köln ergeben sich daraus konkrete Fragen: Wie lässt sich die Pflege von Bau‑ und Archivsubstanzen mit dem laufenden Betrieb kultureller Institutionen verbinden? Welche Rolle soll Kulturförderung in kommunalen Haushalten künftig spielen? Und wie motiviert man die Lokalpolitik, Kultur als zentrale Aufgabe zu begreifen, nicht lediglich als Veranstaltungswirtschaft?
Die Analyse des Autors trifft in der Stadt auf sensible Punkte: Sanierungsstau und Baustellen sind in Köln keine abstrakten Begriffe, sondern Teil des Alltags vieler Einrichtungen und Akteure. Die Kritik, Kultur habe in Wahlkämpfen zuletzt an Gewicht verloren, dürfte bei Kulturschaffenden und bei Publikum gleichermaßen Resonanz finden — und sie stellt die Politik vor die Aufgabe, Prioritäten sichtbarer zu setzen.
Die Debatte um das Verhältnis von Event und Kultur in Köln wird damit nicht nur eine Frage ästhetischer Präferenz bleiben, sondern eine, die Haushaltsplanungen, Denkmalpflege und städtische Identität berührt. Die Forderung des Buchautors nach einer klareren kulturellen Ausrichtung gibt der Stadtverwaltung und den politischen Kräften einen Prüfstein: Setzt Köln wieder stärker auf kulturelle Substanz oder bleibt die Betonung auf Großveranstaltungen dominant?
Die Antworten darauf werden wesentlich darüber entscheiden, wie Köln sich künftig in Deutschland und darüber hinaus präsentiert — als Ort lebendiger kultureller Praxis oder vor allem als Bühne für Events.