In Venedig erwacht ein Stück Zürcher Untergrundkultur neu: Das Performanceduo Clarissa Herbst und Dominique Rust realisiert an der Biennale di Venezia eine Hommage an die legendäre Zürcher «Parfümerie». Die Installation führt den Geist jener Szene fort, die in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren in Zürich entstand und das kulturelle Leben der Stadt nachhaltig prägte.
Aus dem Untergrund an die internationale Bühne
Die «Parfümerie» war kein konventioneller Club: Sie war Treffpunkt für DJs, Aktivistinnen, Künstlerinnen, Musiker und unbequeme Veranstaltungen, die häufig in leer stehenden Fabrikhallen, Läden oder Kellern stattfanden. Dieses Modell spontaner, teils illegaler Partys und experimenteller Aufführungen bildete den Nährboden für eine Community, die sich jenseits etablierter Institutionen formierte. Genau diese Dynamik wollten die Initiantinnen der Biennale sichtbar machen.
Koyo Kouoh als Konzeptgeberin
Die Idee, der «Parfümerie» Raum an der Biennale zu geben, geht auf Koyo Kouoh zurück, die als Gesamtkuratorin der Biennale eine persönliche Verbindung zu der Zürcher Szene hatte. Kouoh war in jungen Jahren Teil dieser Subkultur; die Erfahrungen dort bezeichnete sie als prägend für ihren weiteren Weg als Kuratorin und Kulturmanagerin. Die Biennale-Planung sah vor, das «Parfümerie»-Projekt über die gesamte Laufzeit der Schau mit Veranstaltungen zu bespielen, ähnlich der Art, wie der Club einst «Parfüm» über die Stadt verbreitete.
«Das war solch ein Schmelztiegel von ganz unterschiedlichen Szenen, und das hat sie fasziniert. Dass aus dem Untergrund eine solche Community entsteht.»
Nach dem Tod Kouohs im vergangenen Jahr im Alter von 57 Jahren beschlossen die Beteiligten, ihr Konzept weiterzuführen. Ein Team von Kuratorinnen trägt das Projekt fort, umgesetzt wird die Installation nun von zwei Personen, die selber zur Geschichte des Clubs gehören.
Umsetzung durch Zeitzeuginnen
Clarissa Herbst und Dominique Rust waren Mitbegründerinnen der «Parfümerie» in Zürich. Herbst arbeitet als Grafikerin und Kostümbildnerin, Rust ist Schauspielerin. Beide treten an der Biennale als Repräsentantinnen der ursprünglichen Bewegung auf und übertragen Erinnerungen an jene Nächte in eine künstlerische Installation. Sie verstehen das Projekt als Fortsetzung eines kollektiven Gedächtnisses und als Einladung, das Prinzip spontaner, selbstorganisierter Kultur in gegenwärtige Stadträume zu tragen.
«Sie wollte Leute motivieren, jetzt in ihren Städten oder da, wo sie leben, ...»
Damit soll das historische Vorbild nicht nur gefeiert, sondern als Impuls für heutige Initiativen gelesen werden: Die ‹Parfümerie› als Modell informeller Selbstorganisation, als Ort der Begegnung unterschiedlicher Szenen und als Beispiel dafür, wie kulturelle Praxis ausserhalb institutioneller Räume entstehen kann.
- Ort der Erinnerung: Biennale di Venezia als Plattform für lokale Zürcher Kulturgeschichte.
- Realisatorinnen: Clarissa Herbst (Grafikerin, Kostümbildnerin) und Dominique Rust (Schauspielerin).
- Konzeptgeberin: Koyo Kouoh, verstorben 2025, deren Idee weitergeführt wird.
| Name | Rolle |
|---|---|
| Koyo Kouoh | Ehemalige Gesamtkuratorin Biennale; Konzeptgeberin; verstorben mit 57 |
| Clarissa Herbst | Mitbegründerin der Parfümerie; Grafikerin, Kostümbildnerin; Umsetzerin |
| Dominique Rust | Mitbegründerin der Parfümerie; Schauspielerin; Umsetzerin |
Die Präsentation an der Biennale verweist auf ein grosses Thema in der Kulturpolitik: Wie können informelle, oft prekäre Formen des kulturellen Austauschs in Erinnerung gehalten und zugleich als Impuls für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden? Die «Parfümerie» zeigt, dass lokale Subkulturen internationale Resonanz finden können, wenn sie als Teil einer Erzählung verstanden werden, die sowohl Biografisches als auch kollektive Praxis umfasst.
Für Zürich erinnert das Projekt an eine Zeit, in der kulturelle Innovation weniger von Institutionen als von der Praxis auf der Strasse, in Kellern und leer stehenden Räumen ausging. An der Biennale wird diese Geschichte nun inszeniert — nicht als nostalgisches Denkmal, sondern als lebendige Erinnerung, die zur Nachahmung anregen soll.