Martina Blümling hat eine Aufgabe übernommen, die mehr ist als das Weitererzählen einer Familiengeschichte: Sie ist zu einer Pflegerin der Erinnerung geworden. Die heute 92-jährige Friederike Goertz, ihre Mutter, überlebte als Kind zusammen mit ihrer Mutter Martha Herz die Internierung in der Villa Buth und die Gräuel der Nationalsozialisten. Weil die Mutter inzwischen nicht mehr ohne Weiteres ihre Erlebnisse mitteilen kann, trägt die Tochter das Zeugnis in die nächste Generation.
Vom persönlichen Detail zur öffentlichen Erinnerung
In vielen Familien, die von Verfolgung betroffen waren, ist die Vergangenheit lange kein lebendiges Gesprächsthema gewesen. Auch in dieser Familie offenbarte sich die Geschichte erst in der zweiten Lebenshälfte der Betroffenen stärker. Die Grossmutter starb, als Blümling neun Jahre alt war; die Mutter litt gegen Ende ihres Lebens unter Verfolgungswahn und misstraute Menschen ausserhalb der Familie. Vor diesem Hintergrund gewannen kleine, alltägliche Gegenstände und Fragen eine besondere Bedeutung: Sie wurden zu Trägern von Erinnerung und zu Zugangspunkten in eine erschütternde Vergangenheit.
Schon als Jugendliche begann Blümling, ihrer Mutter nach Details zu fragen. Ihre Hartnäckigkeit war nicht bloss kindliche Neugier: Sie wollte verstehen, warum bestimmte Personen im Leben ihrer Mutter keine Rolle spielten, und weshalb manche Dinge strikt tabu waren. Aus diesen Fragen entstand eine Form der Vermittlung, die Bewahren, Ordnen und Weitererzählen verbindet.
„Ich habe meine Mutter nach Details gelöchert“, erzählt sie.
Materielle Spuren als Gedächtnisanker
Ein anschauliches Beispiel in der Familie ist eine Puppe, die lange im Schrank lag und für die Kinder absolut tabu war. Erst später erfuhr Blümling, dass es sich um eine Leihgabe von Anita Lichtenstein handelte — einer Freundin, die der Ermordung durch die Nationalsozialisten nicht entkommen konnte. Ein einfacher Gegenstand wurde dadurch zum Symbol: Er erinnert an verlorene Namen, an Bindungen, an das, was ausgelöscht wurde, und an das Bedürfnis der Hinterbliebenen, Zeugnis zu geben.
Solche Objekte zeigen, wie Erinnerungsarbeit auf mehreren Ebenen stattfindet: Sie ist persönlich, familiär und potenziell gesellschaftlich relevant. Wenn Schulen, Museen oder Gedenkstätten auf Materialien zurückgreifen, die in privaten Räumen bewahrt werden, entsteht eine Verbindung zwischen individueller Erinnerung und kollektiver Aufarbeitung.
Weitergeben als Verantwortung
Die Rolle, die Blümling heute einnimmt, geht über die einer reinen Erzählerin hinaus. Sie ordnet, bewahrt und trifft Entscheidungen darüber, was wie weitererzählt wird. In dieser Funktion liegt eine doppelte Verantwortung: gegenüber den Opfern und gegenüber denjenigen, die später hören und lernen sollen. Bewahrte Erinnerungen sind keine statischen Relikte; sie wirken in Bildungs- und Erinnerungsprozesse hinein und können die Art prägen, wie Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit umgehen.
- Generationenwechsel: Die Weitergabe von Zeugnispflicht verschiebt sich von Überlebenden zu ihren Kindern und Enkeln.
- Materielle Erinnerungen: Gegenstände wie die erwähnte Puppe werden zu symbolischen Ankern.
- Öffentliche Relevanz: Familiäre Erinnerungen können Bildung und Gedenkkultur beeinflussen.
Die Geschichte von Blümling und Goertz ist zugleich exemplarisch und individuell. Sie erinnert daran, dass Erinnerung oft Arbeit bedeutet: Erinnern muss bewahrt, eingeordnet und vermittelt werden. Diese Tätigkeit enthält ein emphatisches Moment — das Erinnern an menschliches Leid — und zugleich eine nüchterne Aufgabe: die historische Wahrheit zu erhalten und weiterzugeben.
| Person | Beziehung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Martina Blümling | Tochter | Übernimmt Erinnerungsarbeit |
| Friederike Goertz | Mutter | 92 Jahre, Überlebende der Internierung in Villa Buth |
| Martha Herz | Grossmutter | Mitinterniert in Villa Buth, starb als Blümling neun Jahre alt war |
Wie viele der noch lebenden Zeugen werden auch Blümlings Erinnerungen eines Tages nur noch in Dokumenten, Objekten und Erzählungen fortbestehen. Die heutige Generation der Bewahrerinnen und Bewahrer trägt damit eine gewichtige Bürde: Sie entscheidet, welche Stimmen laut bleiben. Ihre Arbeit hat Konsequenzen für Bildung, Gedenken und das öffentliche Bewusstsein — nicht nur lokal, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus.
In einer Zeit, in der historische Bildung und das Erinnern an die NS-Verbrechen wieder strittiger diskutiert werden, zeigt das Beispiel der Familie Blümling, wie intim und zugleich grundlegend diese Form der Kulturerhaltung ist. Es sind oft die unscheinbaren Handlungen des Bewahrens, die das kollektive Gedächtnis am Leben erhalten.