Die jüngsten europäischen Vorschriften zur Verpackung und zu Verpackungsabfällen treffen insbesondere kleine Händler und die unabhängige Musikbranche hart. Vertreter von Online-Plattformen und Kleinunternehmern warnen, dass die Kombination aus Gebühren für kleine Sendungen, zusätzlichen Kosten für Lieferungen aus Drittstaaten und neuen Pflichten zur Reduktion von Verpackungsmaterial den Verkauf physischer Produkte stark erschwert.
Gebühren und administrative Hürden
Ein zentraler Kritikpunkt ist eine Gebühr von 3 Euro auf kleine Pakete, die seit Juli eingeführt wurde. Hinzu kommt eine mögliche weitere Gebühr von 2 Euro auf Sendungen aus Nicht-EU-Ländern. Parallel fordert die neue Verpackungsverordnung (PPWR) zusätzliche Massnahmen gegen Verpackungsmüll und verlangt von Verkäufern, in jedem EU-Land, in das sie liefern, einen Bevollmächtigten zu benennen. Die Kosten für solche Bevollmächtigte werden mit Beträgen zwischen mehreren hundert Euro und 1'000 Euro genannt.
Paul Langworthy, Chief Revenue Officer des US-Unternehmens Songtradr, das die Plattform Bandcamp betreibt, beschreibt die Lage als belastend für die Branche. Er weist auf einen spürbaren Rückgang des Warenverkehrs hin und fordert ein ganzheitlicheres Vorgehen der EU gegenüber KMU.
„Die Europäische Union muss den Handel von KMU in die und innerhalb der EU – insbesondere in die EU – ganzheitlicher betrachten als bisher“,
Konkrete Auswirkungen auf die Indie-Szene
Bandcamp gilt als wichtige Absatzplattform für unabhängige Labels und Musikerinnen, die physische Tonträger wie Schallplatten, CDs oder Merch direkt an Fans verkaufen. Die Plattform bietet für viele Künstlerinnen und Labels eine bessere Einnahmesituation als Streamingdienste, da Verkäuferinnen dort einen wesentlich grösseren Anteil der Verkaufserlöse behalten.
Nach Angaben aus der Branche führten die neuen Gebühren bereits zu merklichen Einbussen: Seit Einführung der Einfuhrgebühr von 3 Euro seien die Musikimporte aus Europa um etwa 7 Prozent zurückgegangen. Das zeigt, wie empfindlich der Markt für physische Produkte auf zusätzliche Kosten reagiert.
Wirtschaftlicher und ökologischer Zielkonflikt
Die Intention der EU, Verpackungsmüll zu reduzieren und Recycling zu verbessern, steht ausser Frage. Gleichwohl entsteht ein Konflikt zwischen ökologischen Zielen und ökonomischen Folgen für Kleinstunternehmen. Kritikerinnen und Kritiker warnen davor, dass pauschale Gebühren und umfangreiche Meldepflichten weniger auf Verursacherinnenprävention abzielen als auf administrative Kontrolle — mit der Gefahr, dass viele kleine Anbieter den Vertrieb physischer Waren einstellen oder verlagern.
- Gebühr von 3 Euro auf kleine Pakete (seit Juli) belastet Handel mit physischen Waren.
- Mögliche zusätzliche Gebühr von 2 Euro für Sendungen aus Nicht-EU-Ländern erhöht Hürden für Export/Import.
- Pflicht, in jedem Lieferland einen Bevollmächtigten zu benennen, verursacht Kosten von mehreren hundert bis rund 1'000 Euro.
| Massnahme | Angabe |
|---|---|
| Gebühr auf kleine Pakete | 3 Euro |
| Zusätzliche Gebühr für Drittstaaten | 2 Euro (möglich) |
| Kosten für Bevollmächtigte | mehrere hundert bis 1'000 Euro |
Die Debatte verweist auf eine grundsätzliche Frage für die Politik: Wie lassen sich ökologische Ziele erreichen, ohne Kleinstunternehmen unverhältnismässig zu belasten? Für die Indie-Musikszene, die sich bereits durch den Strukturwandel des Musikmarktes und den Druck durch Streamingdienste herausgefordert sieht, können zusätzliche Kosten existenzbedrohend sein. Plattformen wie Bandcamp dienen vielen Künstlerinnen und Labels als wichtige Einkommensquelle; regulatorische Änderungen können diese Einkommensquelle gefährden.
Für die Schweiz stellt die Entwicklung in der EU auch einen Indikator dar: Schweizer Künsterlerinnen, Labels und Kleinbetriebe, die in den europäischen Markt liefern oder von dort importieren, dürften ebenfalls von den neuen Regeln betroffen sein — sei es durch direkte Gebühren, höhere Preise für Endkundinnen oder durch administrative Zusatzaufwände bei grenzüberschreitenden Lieferungen. Wie die EU und betroffene Branchen diesen Zielkonflikt künftig lösen, wird entscheidend dafür sein, ob ökologische Verbesserungen mit gesellschaftlich tragbaren wirtschaftlichen Anpassungen einhergehen.