In Frankfurt am Main kommen vom 23. bis 26. September rund 1'000 Altersmedizinerinnen und Altersforscher zusammen, um zentrale Fragen des Alterns zu erörtern. Im Zentrum des Kongresses stehen konkrete medizinische Herausforderungen wie neue Alzheimer-Therapien, die Rolle des Klimawandels für ältere Menschen, technologische Hilfen in der Pflege und Konzepte für ein selbstständiges Leben im Alter. Zugleich diskutieren die Fachleute kontroverse Trends rund um das Thema Longevity — also das gezielte Streben nach verlängerter, gesunder Lebenszeit.
Wissenschaftliche Zurückhaltung gegenüber Longevity-Versprechen
Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Prof. Michael Denkinger, warnt davor, das Altern als Krankheit zu behandeln. Er betont, Altern bringe neben Krankheiten auch positive Aspekte mit sich und das Pathologisieren des Alterungsprozesses könne gesellschaftlich schädlich sein. Kritisch beurteilt er die Kommerzialisierung von Longevity-Ideen: Viele Produkte und Methoden, die ein biologisch verlangsamtes Altern versprechen, stützten sich auf unzureichende Belege.
«Für all das gibt es keine Belege, maximal Erkenntnisse aus Tierversuchen», sagt Denkinger. «Es gibt kein Produkt, das gezeigt hat, dass es Menschen länger leben lässt.»
Diese nüchterne Haltung rückt die Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund. Bewährte Massnahmen wie körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung, Verzicht auf Rauchen, moderater Alkoholkonsum, regelmässige Vorsorgeuntersuchungen und der Erhalt sozialer Kontakte gelten weiterhin als die belastbarsten Strategien für ein gesundes Altern.
Praktische Themen: Therapie, Klima, Technik
Der Kongress behandelt neben Debatten zur Longevity-Perspektive auch sehr konkrete medizinische und pflegerische Fragestellungen. Dazu zählen:
- Neue Ansätze in der Alzheimer-Therapie und deren Bedeutung für die Versorgung
- Auswirkungen des Klimawandels auf vulnerable, ältere Bevölkerungsgruppen
- Technologische Innovationen für die Pflegepraxis und deren Einsatz im Alltag
- Modelle für ein selbstbestimmtes Leben im Alter, auch mit Unterstützung durch Community- und Versorgungsstrukturen
Die Bandbreite der Themen zeigt, dass die Debatte nicht allein im Elfenbeinturm der Grundlagenforschung stattfindet, sondern direkte Konsequenzen für Spitäler, Heime, Hausärztinnen und Hausärzte sowie die Pflegepraxis hat.
Konsequenzen für die Schweiz
Die Diskussionen in Frankfurt sind auch für die Schweiz bedeutsam. Schweizer Fachleute aus Geriatrie und Altersforschung beobachten internationale Trends und prüfen, welche Innovationen sinnvoll in die nationale Versorgung übernommen werden können. Gleichzeitig mahnen Stimmen wie jene von Denkinger zur Vorsicht gegenüber schnellen Versprechungen aus der Industrie. Eine rigorose Evaluation neuer Therapien und Technologien bleibt nötig, um die knappen Ressourcen im Gesundheitswesen verantwortungsvoll einzusetzen.
Für Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen bleibt die Botschaft praktisch: Gegenüber hochtrabenden Versprechen ist kritisches Hinterfragen geboten. Bewährte Präventionsmassnahmen und soziale Teilhabe sind nach wie vor zentrale Pfeiler eines gesunden Alters.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Teilnehmende | Rund 1'000 Geriater und Gerontologen |
| Datum | 23.–26. September |
| Kernfragen | Ist Altern eine Krankheit? Longevity, Alzheimer, Klima, Technik in der Pflege |
Als Ressortleiterin für Gesellschaft nehme ich aus solchen Kongressen zwei Dinge mit: Erstens, die wissenschaftliche Gemeinschaft bleibt in weiten Teilen skeptisch gegenüber schnellen Patentlösungen für komplexe Prozesse wie das Altern. Zweitens, die praktischen, wenig spektakulären Massnahmen — Bewegung, Ernährung, Vorsorge, soziale Integration — behalten ihren hohen Stellenwert für die Gesundheit im Alter. Die Herausforderung für Politik und Gesundheitswesen besteht nun darin, Forschungsergebnisse sorgfältig zu prüfen und erfolgreiche Ansätze sinnvoll in die Versorgung zu integrieren, damit die Menschen möglichst gesund und selbstständig altern können.