Vor einem Jahr startete der Kanton Graubünden eine Fachberatung Kindesschutz als vierjähriges Pilotprojekt. Nach dem ersten Betriebsjahr zieht das Bündner Sozialamt eine positive Bilanz: Die neue Anlaufstelle wurde kantonsweit genutzt und führte bisher über 60 Beratungen durch. Die Nutzung habe die Erwartungen übertroffen, teilte die Behörde am Montag mit.
Komplexe Fälle als Schwerpunkt
Die Beratungen kamen aus allen Teilen des Kantons, von Engadin bis Surselva. In der Praxis wird die Fachberatung vor allem bei länger bestehenden oder komplexen Situationen beigezogen. Thematisch dominierten Vernachlässigung sowie körperliche und sexuelle Gewalt. Psychische Gewalt trat laut Angaben des Sozialamts häufig in Verbindung mit diesen Formen auf.
Betroffen waren Kinder und Jugendliche sämtlicher Altersstufen, etwas häufiger ging es um die Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen. Als Ratsuchende meldeten sich Personen aus unterschiedlichen Berufsgruppen; Schulen spielten dabei eine besondere Rolle und bildeten einen Schwerpunkt der Anfragen.
Interdisziplinäre Unterstützung und das Arbeitsinstrument «Cumpass»
Bei Bedarf kann die Einschätzung durch eine interdisziplinäre Fokusgruppe aus fünf Expertinnen und Experten ergänzt werden. Dazu gehören Fachpersonen aus den Bereichen Medizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Polizei, Kindes- und Erwachsenenschutz sowie Opferhilfe. Solche Fallbesprechungen schaffen gemäss Sozialamt Klarheit und stärken die Handlungssicherheit der Ratsuchenden.
Ein zentrales Hilfsmittel ist das Arbeitsinstrument «Cumpass». Es dient dazu, ein ungutes Bauchgefühl strukturiert zu überprüfen und die Gefährdung des Kindeswohls einzuschätzen. Das Instrument arbeitet mit einem Ampelsystem, das sichtbar macht, welche nächsten Schritte angezeigt sind.
| Kenndaten | Angabe |
|---|---|
| Beratungen im ersten Jahr | Über 60 |
| Teilnehmende an Einführungsschulung (März 2026) | Rund 60 Personen |
| Pilotdauer | Vier Jahre |
Weiterbildung und Vernetzung
Das Angebot umfasst neben der Beratung auch Schulungen. Im März 2026 nahmen gemäss Mitteilung rund 60 Personen an Einführungsschulungen zu «Cumpass» teil. Die Veranstaltungen stiessen besonders bei Institutionen aus dem Familien-, Gesundheits-, Vorschul- und Schulbereich auf Interesse.
Für das zweite Pilotjahr kündigte das Sozialamt an, die Vernetzung und die Nachberatung systematisch auszubauen. Ziel ist es, die Fachberatung dauerhaft zu etablieren, wenn sich das Angebot weiterhin bewährt.
- Beratung bleibt anonym und kostenlos.
- Interdisziplinäre Fokusgruppe kann bei komplexen Fällen beigezogen werden.
- Weitere «Cumpass»-Veranstaltungen geplant, darunter Anlässe im Rahmen der Aktionstage gegen häusliche Gewalt.
Geplant sind unter anderem weitere Veranstaltungen im Rahmen der Aktionstage gegen häusliche Gewalt im Dezember 2026 in Chur. Solche öffentlichen Anlässe sollen einerseits die Sensibilisierung fördern und andererseits die Praxisnähe der Fachberatung stärken.
Praktische Bedeutung für die Praxis
Für Schulen und andere Fachstellen bedeutet die Fachberatung eine niederschwellige Möglichkeit, Unsicherheiten in Verdachtsmomenten professionell abzuklären. Gerade bei Mehrdeutigkeit oder komplexen Verflechtungen stellt die Beratung eine externe Perspektive und fachliche Unterstützung bereit.
Das Sozialamt betont, dass die positive Resonanz zeige, dass das Angebot den Bedürfnissen der Praxis entspreche. Im Fokus des kommenden Jahres stehen demnach der Ausbau von Netzwerken zwischen Institutionen sowie die Verstärkung von Nachberatungen, um Fälle längerfristig begleiten zu können.
Die Erfolge des ersten Jahres könnten Modellcharakter haben: Ein funktionierendes Beratungsangebot verbindet Fachwissen, praktische Instrumente wie «Cumpass» und interdisziplinäre Fallbegleitung – ein Ansatz, der in einem kantonal weit verzweigten Gebiet wie Graubünden besondere Bedeutung gewinnt.