Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) revidiert seine Konjunkturprognose nach oben und sieht die deutsche Wirtschaft vor einer möglichen Trendwende. Für 2026 prognostiziert das DIW ein reales Wachstum von 1,2 Prozent, für 2027 1,0 Prozent und für 2028 noch 0,7 Prozent. Damit hat das Institut seine Frühjahrsprognose für 2026 mehr als verdoppelt.
Gründe für die Aufwärtsrevision
Als Hauptgründe für die verbesserte Perspektive nennt das DIW einen überraschend starken Außenhandel und einen weniger heftig ausfallenden Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs als zuvor befürchtet. Entscheidend seien zudem höhere Ausgaben des Staates:
- Der Staat trage wesentlich zur Nachfrage bei: Rund 70 Prozent des erwarteten Wachstums in diesem Jahr entstünden durch öffentlichen Konsum und Investitionen.
- Wesentliche Treiber seien erhöhte Ausgaben in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Renten sowie gesteigerte Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung.
- Der Aufschwung bei den Exporten habe zusätzliche Impulse gebracht und die Industrie gestützt.
«Die deutsche Wirtschaft steht vor einer möglichen Trendwende zu stärkerem Wachstum in den kommenden zwei Jahren», sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher.
Auch die Bundesbank ist optimistischer
Die Deutsche Bundesbank signalisiert ebenfalls eine positivere Einschätzung. Auf Basis der Daten der ersten beiden Quartale gehe Deutschland «auf dem besten Weg, in diesem Jahr etwa ein Prozent zu erreichen», sagte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel gegenüber der französischen Zeitung Le Monde. Im Juni hatte die Bundesbank noch ein preis- und kalenderbereinigtes Plus von 0,5 Prozent prognostiziert.
Bedeutung und Risiken
Die DIW-Revision spiegelt eine Verschiebung in der konjunkturellen Dynamik wider: Von einer jahrelangen Stagnation oder nur sehr moderatem Wachstum hin zu moderater Expansion. Entscheidend ist, dass der aktuelle Impuls zu einem grossen Teil staatlich getragen wird. Das hat mehrere Implikationen:
- Ein wachsender Anteil öffentlichen Konsums und staatlicher Investitionen kann kurzfristig die Binnennachfrage stabilisieren, langfristig aber Debatten über Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen und Priorisierung von Projekten auslösen.
- Sollte der Aufschwung primär über temporäre Staatsausgaben erfolgen, besteht das Risiko, dass die Dynamik abflaut, sobald diese Effekte nachlassen.
- Externe Faktoren bleiben wichtig: Ein wieder stärkerer Energiepreisschock, eine Abschwächung des Welthandels oder geopolitische Eskalationen könnten die Erholung schnell dämpfen.
Kurze Datenübersicht
| Jahr | DIW-Prognose (reales Wachstum) |
|---|---|
| 2026 | 1,2 % |
| 2027 | 1,0 % |
| 2028 | 0,7 % |
Die früher im Juni ausgegebene Vorhersage für 2026 lag bei lediglich 0,5 Prozent, was die nun vorgenommenen Anpassungen unterstreicht.
Relevanz für die Schweiz
Für die Schweiz ist die Entwicklung in Deutschland von Bedeutung: Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner. Stärkeres Wachstum jenseits der Grenze kann Exporte in die Schweiz beeinflussen, ebenso Investitionsentscheidungen und die konjunkturelle Stimmung in exportorientierten Branchen. Gleichzeitig bergen die genannten Risiken auch Gefahren für die Schweizer Wirtschaft, falls eine sich verstärkende geopolitische Unsicherheit oder erneute Energiepreisschocks die Erholung in Europa insgesamt bremsen.
Insgesamt signalisieren die DIW-Zahlen eine moderat optimistische Perspektive, die jedoch von der Entwicklung der globalen Energiepreise, der Stabilität des Aussenhandels und der Nachhaltigkeit staatlicher Impulse abhängt. Beobachter und politische Entscheider dürften in den kommenden Monaten besonders auf die Daten der Industrieproduktion, des Aussenhandels sowie auf die weiteren fiskalpolitischen Entscheidungen achten.