Als Verantwortlicher für das Ressort Bildung in einer Berner Gemeinde schildert Franco Digirolamo die unmittelbaren Auswirkungen, die schlechter werdende schulische Grundkompetenzen auf Dörfer und Städte haben können. In einem Gastbeitrag macht der Vizepräsident des Gemeinderats Oberburg und Präsident der Bildungskommission deutlich, dass Schulen mehr sind als staatliche Institutionen: Sie prägen das Dorfleben, beeinflussen die Ansiedlung von Familien und bereiten junge Menschen auf den Übergang in Beruf und Gesellschaft vor.
Schule als Standortfaktor
Digirolamo argumentiert, eine bürgerliche Politik müsse Probleme dort angehen, wo sie entstehen, und staatliche Leistungen so organisieren, dass sie Wirkung zeigen. Konkret bedeutet das für die Schulen: Sie sollen jungen Menschen die Grundlagen vermitteln, damit diese später selbstständig Verantwortung übernehmen können. Diese Perspektive verbindet kommunale Verantwortung mit wirtschaftlichen Anforderungen vor Ort.
Wachsende Anforderungen für Lehrbetriebe
Als Beleg für den Handlungsbedarf verweist Digirolamo auf eine aktuelle Umfrage von economiesuisse. Demnach stellen viele Betriebe bei ihren Lernenden Defizite beim Schreiben und in Mathematik fest. Zudem beobachten Unternehmen einen erhöhten Betreuungsaufwand und eine abnehmende Selbstständigkeit der Lernenden. Die Folge: Laut dieser Erhebung gibt bereits jedes fünfte befragte Unternehmen an, wegen sinkender Grundkompetenzen und des zusätzlichen Aufwands künftig weniger Lernende auszubilden oder ausbilden zu wollen.
"Laut economiesuisse gibt bereits jedes fünfte befragte Unternehmen an, wegen sinkender Grundkompetenzen und des zusätzlichen Aufwands künftig weniger Lernende auszubilden oder ausbilden zu wollen."
Digirolamo hebt hervor, dass diese Entwicklung gerade für Gemeinden ausserhalb der grossen Zentren gravierend sein kann. Für viele kleinere Gemeinden sind attraktive Schulen und ein starkes lokales Gewerbe eng miteinander verknüpft. Fehlen Ausbildungsplätze, schwächt das die lokale Wirtschaftskraft und mindert die Attraktivität der Gemeinde für Familien.
- Bildung ist mehr als Unterricht: Sie ist Teil des sozialen und wirtschaftlichen Gefüges einer Gemeinde.
- Betriebe investieren zunehmend Zeit, um schulische Lücken zu schliessen; das kann das Lehrstellenangebot reduzieren.
- Regionale Auswirkung: Besonders periphere Gemeinden sind betroffen, weil Lehrstellenangebot und Ausbildungsbereitschaft sinken könnten.
Folgen für Kommunalpolitik und Praxis
Digirolamo fordert, Probleme frühzeitig auf Gemeindeebene anzugehen und Verantwortung einzufordern. Das umfasst sowohl die Qualität des Unterrichts als auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die Lehrstellen anbieten. Wenn die Schule die nötigen Grundkompetenzen nicht vermittelt, steigt der Aufwand für die Betriebe — eine Entwicklung, die wirtschaftlichen Druck erzeugen kann und mittelbar das Lehrstellenangebot reduziert.
| Problem | Konsequenz für Gemeinden |
|---|---|
| Sinkende Grundkompetenzen (Schreiben, Mathematik) | Mehr Nacharbeit in Betrieben, Druck auf Lehrstellenangebot |
| Geringere Selbstständigkeit der Lernenden | Erhöhter Betreuungsaufwand für ausbildende Betriebe |
Die anstehende Abstimmung über die Berner Bildungsinitiative stellt somit nicht nur eine Frage des kantonalen Bildungssystems dar, sondern hat direkte Rückwirkungen auf die kommunale Entwicklung und die berufliche Ausbildung. Gemeinden stehen vor der Aufgabe, ihre Schulen so zu stärken, dass sie sowohl gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Anforderungen erfüllen können.
Die Debatte zeigt: Bildungspolitik ist nicht nur eine Frage des Lehrplans, sondern auch eine Frage der Standortpolitik. Wie Gemeinden, Kantone und Wirtschaft die Verantwortung teilen und welche Massnahmen konkrete Defizite abfedern können, wird entscheidend dafür sein, ob junge Menschen künftig die notwendigen Voraussetzungen für eine eigenständige Berufsausbildung erhalten und regionale Lehrstellenangebote erhalten bleiben.