Ausländische Nachrichtendienste greifen deutsche Unternehmen zunehmend gezielt an. Das geht aus der Studie «Wirtschaftsschutz 2026» des Digitalverbands Bitkom hervor. Demnach konnten in den vergangenen zwölf Monaten 37 Prozent der betroffenen Unternehmen mindestens einen Angriff einem fremden Nachrichtendienst zuordnen; vor einem Jahr waren es noch 28 Prozent, 2023 lediglich 7 Prozent.
Zunahme der Attribution und hohe Schadenssummen
Insgesamt gaben zuletzt 96 Prozent der befragten Unternehmen an, von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen gewesen zu sein oder dies zu vermuten. Die Studie schätzt die Schäden durch diese Delikte auf 211 bis 270,8 Milliarden Euro. In die Schadensschätzung fliessen direkte Kosten wie Betriebsausfälle, Ermittlungen und Ersatzmassnahmen, Rechtsstreitigkeiten und Erpressung sowie Umsatzeinbussen durch Plagiate und den Verlust von Wettbewerbsvorteilen ein.
Unsicherheit bei der Erkennung von Angriffen
Während die Gesamtzahl der betroffenen Firmen nahezu konstant bleibt, nimmt die Unsicherheit in der Erkennung zu: Nur noch 67 Prozent der Unternehmen konnten einen erfolgreichen Angriff mit Sicherheit feststellen; vor einem Jahr waren dies noch 87 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil jener, die einen Angriff vermuten, aber nicht sicher belegen können, von 10 auf 29 Prozent.
„Dramatische Erhöhung“, so bezeichnet Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Entwicklung.
Herkunft der Angriffe
Die Untersuchung weist aus, dass sich Angriffe oftmals zu bestimmten Herkunftsregionen zurückverfolgen lassen. Mehr als die Hälfte der sicher betroffenen Unternehmen (52 Prozent, Vorjahr 46 Prozent) konnten mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen. An zweiter Stelle steht Russland mit 49 Prozent (2025: 46 Prozent). Deutlich dahinter folgen:
- Osteuropa ohne EU: 34 Prozent
- USA: 27 Prozent
- EU-Länder (ohne Deutschland): 26 Prozent
- Deutschland: 12 Prozent
- Iran: neu mit rund 9 Prozent (Vorjahr 4 Prozent)
Die Studie macht damit deutlich, dass staatliche Akteure aus verschiedenen Regionen als relevante Player der Wirtschaftskriminalität auftreten. Auffällig ist der deutliche Anstieg der Zuordnungen zu China innerhalb weniger Jahre.
| Land/Region | Anteil sicher zugeordneter Angriffe |
|---|---|
| China | 52 % |
| Russland | 49 % |
| Osteuropa (ohne EU) | 34 % |
| USA | 27 % |
| EU-Länder (ohne DE) | 26 % |
| Deutschland | 12 % |
| Iran | 9 % |
Cyberangriffe, KI und Organisierte Kriminalität
Die Studie stellt fest, dass drei Viertel der Schäden auf Cyberattacken entfallen. Dabei spiele Künstliche Intelligenz (KI) eine zunehmend wichtige Rolle. Bitkom hebt hervor, dass KI insbesondere weniger professionellen Angreifern neue Möglichkeiten biete, Angriffe zu automatisieren oder raffinierter zu gestalten.
Gleichzeitig bleiben klassische kriminelle Strukturen relevant: 62 Prozent der betroffenen Unternehmen berichteten von Attacken durch Strukturen der Organisierten Kriminalität. Damit ist die OK weiterhin ein dominanter Akteur, auch wenn staatliche Dienste an Bedeutung gewannen.
Konsequenzen und offene Fragen
Die Zahlen werfen mehrere Fragen für Unternehmen und die Politik auf. Dazu gehören die Verbesserung der Erkennungs- und Attributionstechniken, verstärkte Massnahmen zur Cyberabwehr und die Kooperation zwischen Wirtschaft, Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden. Für Unternehmen bedeutet die gestiegene Unsicherheit zudem, dass interne Sicherheitsprozesse, Meldeketten und Incident-Response-Kapazitäten ausgebaut werden müssen.
Die Bitkom-Studie liefert eine aktuelle Bestandsaufnahme der Bedrohungslage. Sie zeigt zugleich, dass Angriffe zunehmend schwerer eindeutig zuzuordnen sind, was Ermittlungen und Gegenmassnahmen erschwert. Für die deutsche und auch die europäische Wirtschaft ergeben sich daraus langfristige Risiken für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen.