Bei der Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg warnten Spitzenvertreter der Wirtschaft eindringlich davor, dass Deutschland und Europa im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) gegenüber den USA und China ins Hintertreffen geraten könnten. Gefordert wurden vor allem stärkere Investitionen in die praktische, industrielle Anwendung von KI und bessere politische Rahmenbedingungen, um die europäische Souveränität in diesem Technologiefeld zu sichern.
Wirtschaftsvertreter sehen Gefahr des Abhängigmachens
An der Sitzung nahmen unter anderem die Chefs von Siemens sowie des kanadischen KI-Unternehmens Cohere teil. Sie betonten, dass die Bewahrung der europäischen Souveränität eine verstärkte Fokussierung auf die industrielle Nutzung von KI erfordere. Hintergrund sei, dass in den USA und in China sehr hohe Summen in die KI-Entwicklung flössen — eine Vorgangsweise, die Europa innerhalb kurzer Zeiträume technologisch und wirtschaftlich ins Hintertreffen bringen könne.
„Europa könne innerhalb von Wochen und Monaten völlig abgehängt werden.“
Der digitale Staatssekretär bzw. Digitalminister Wildberger relativierte die Erwartung, dass Europa an die globale Spitze aufschließen müsse, mahnte jedoch Realismus beim Zielbild an: "Es gehe nicht immer nur darum, die Nummer eins zu sein. Das Ziel, Nummer 3 oder Nummer 4 zu sein in der Welt, sei auch ein gutes Zwischenziel." Zugleich warnte er davor, sich mit hohen, unerreichbaren Zielvorstellungen eine Entschuldigung für Untätigkeit zu schaffen.
Forderung nach Rahmenbedingungen und industrieller Anwendung
Die Wirtschaftsvertreter forderten von der Politik konkrete Maßnahmen, um die Voraussetzungen für großvolumige Investitionen und den Transfer von KI-Forschung in die Produktion zu schaffen. Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte industrielle KI-Nutzung — Anwendungen, die in Fertigung, Logistik, Energie und anderen Sektoren Effizienzgewinne und Wettbewerbsfähigkeit bringen können. Ohne passende Rahmenbedingungen drohten Forschungsergebnisse nicht im wirtschaftlichen Maßstab eingesetzt zu werden.
- Dringlichkeit: Wirtschaft warnt vor schnellem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber USA und China.
- Fokus: Investitionen in industrielle Anwendungen statt nur Grundlagenforschung.
- Politikauftrag: Schaffung von regulatorischen, finanziellen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen.
Die Kabinettsklausur, die bis morgen dauert, behandelt außerdem weitere wirtschaftspolitische Fragen wie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit insgesamt und die Folgen der jüngsten Hitzewelle. Die Debatte um KI zeigt, dass Technologiepolitik inzwischen integraler Bestandteil dieser Agenda ist.
Konsequenzen für Industrie und Politik
Für die Industrie bedeutet die Warnung: Unternehmen könnten vor größeren strategischen Entscheidungen stehen, etwa zu Standortwahl, Partnerschaften mit internationalen KI-Anbietern oder zu eigenen Investitionsprogrammen zur Implementierung von KI in Produktionsprozessen. Für die Politik ergeben sich mehrere Handlungsfelder:
| Handlungsfeld | Mögliche Maßnahme |
|---|---|
| Finanzierung | Gezielte Förderprogramme für industrielle KI-Projekte |
| Regulierung | Klare Vorgaben, die Innovation nicht ausbremsen |
| Infrastruktur | Ausbau von Rechenzentren und Dateninfrastruktur |
Wie schnell solche Maßnahmen wirken können, hängt von Umfang und Ausrichtung der Investitionen ab. Die Teilnehmer der Klausur machten deutlich, dass Verzögerungen das Risiko erhöhen, gegenüber globalen Wettbewerbern dauerhaft Marktanteile zu verlieren.
Die Forderungen aus Neuhardenberg stehen exemplarisch für eine breitere Debatte in Europa: Es geht nicht nur um technologische Exzellenz, sondern auch um ökonomische Handlungsfähigkeit, die Schutz der Souveränität und die Fähigkeit, Innovationen in konkrete Wettbewerbsstärke umzuwandeln.