Fünf Jahre nach ihrer Rückkehr an die Macht haben die Taliban in Afghanistan deutlich mehr internationalen Kontakt als unmittelbar nach dem Machtwechsel. Nur Russland hat die Taliban-Regierung nach Angaben der Berichte offiziell anerkannt. Dennoch führen zahlreiche Staaten Arbeitskontakte mit den Machthabern in Kabul.
Pragmatische Annäherung trotz Kritik
Vertreter aus Ländern wie China, Japan, Türkei, Saudi-Arabien und Großbritannien sind dem Bericht zufolge bereits in Kabul gewesen. Zugleich reisten auch Taliban-Vertreter ins Ausland. Im Juni trafen Delegationen der de-facto-Regierung in Brüssel mit Vertretern von 15 EU-Staaten zusammen, um unter anderem über die Rücknahme abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan zu verhandeln. Damit wird deutlich: Praktische Fragen wie Abschiebungen und Hilfslieferungen treiben die Kontakte voran.
Die Begründung für diese Annäherung ist pragmatisch. Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid wird mit den Worten zitiert:
„Wir streben Beziehungen zu allen Ländern an.“
Parallel dazu betonen Experten, dass vor allem die Nachbarstaaten und Anrainerstaaten ein besonderes Interesse an funktionierenden Verbindungen haben. Mudschahid verwies auf enge wirtschaftliche Verknüpfungen mit den Ländern der Region. Vertreter aus Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgistan, Usbekistan und Kasachstan hätten sich dem Bericht zufolge in Kabul getroffen, mit dem Ziel, Handelsrouten über Afghanistan zum Persischen Golf zu nutzen.
Was die Gespräche beinhalten
Die Verhandlungspunkte sind vielfältig und reichen laut Bericht von wirtschaftlichen Interessen bis zu migrationspolitischen Fragen. In Brüssel standen Gespräche über Abschiebungen auf dem Programm. Zugleich geht es um Handelsrouten und Versorgungslinien, die für die Nachbarstaaten Bedeutung haben. Beobachter beschreiben die Entwicklung als eine „Realpolitik“ der Staaten in der Region, die sich an konkreten Interessen orientiert.
- Handel: Ausbau von Handelsrouten durch Afghanistan.
- Abschiebungen: Gespräche mit EU-Staaten über Rücknahme abgelehnter Asylwerber.
- Diplomatische Kontakte: Besuche von Delegationen aus mehreren Staaten in Kabul und Reisen von Taliban-Vertretern ins Ausland.
Regionale Interessen und internationale Kontrolle
Erica Gaston, die das Programm für Konfliktprävention und nachhaltige Friedenssicherung an der Universität der Vereinten Nationen leitet, kommentiert diese Entwicklung als Ausdruck eines pragmatischen Umgangs der Nachbarländer mit den Taliban. Laut Gaston werde in der Region zunehmend so gehandelt, wie es die unmittelbaren Interessen erfordere. In den Worten der Analyse: Kontakte seien „unvermeidlich“.
Die wachsenden Beziehungen der Taliban zu Staaten und Institutionen bedeuten jedoch nicht, dass die Menschenrechtslage in Afghanistan geringer bewertet wird. Internationale Kritik an der katastrophalen Menschenrechtslage bleibt bestehen. Die neue Realität auf dem diplomatischen Parkett zeigt aber, dass viele Staaten zwischen öffentlicher Kritik und praktischer Zusammenarbeit unterscheiden.
| Besuchte Länder / Delegationen | Hauptinteresse (laut Bericht) |
|---|---|
| China, Japan, Türkei, Saudi-Arabien, Großbritannien | Diplomatische Kontakte, Hilfen, politische Gespräche |
| Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgistan, Usbekistan, Kasachstan | Handelsrouten, wirtschaftliche Zusammenarbeit |
Für Österreich und die EU sind diese Entwicklungen relevant. Gespräche über Abschiebungen betreffen unmittelbar nationale Asyl- und Rückkehrpolitik. Gleichzeitig zwingt die Sicherheitslage in Afghanistan Staaten dazu, Interessen entlang humanitärer, sicherheitspolitischer und ökonomischer Linien neu auszutarieren.
Die Balance zwischen Menschenrechtskritik und pragmatischer Kooperation wird auch künftig ein Thema bleiben. Staaten müssten entscheiden, inwieweit sie Beziehungen ausbauen, um etwa Fluchtursachen zu bekämpfen oder Hilfslieferungen zu koordinieren. Die Diskussionen in Brüssel und die Besuche in Kabul zeigen, dass diese Entscheidungen nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit regionalen Prioritäten getroffen werden.
Die internationale Praxis der letzten Jahre deutet darauf hin, dass trotz formaler Nichtanerkennung der Taliban-Regierung politische und wirtschaftliche Kontakte zunehmen. Wie Staaten damit langfristig umgehen, bleibt eine zentrale Frage für die Außen- und Innenpolitik.