Bei den Festspielen tritt Nicolas Stemann mit Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ als impulsgebender Regisseur und Conferencier auf. Die Produktion zeichnet sich durch eine ausgeprägte Spiellust des Ensembles und durch theatrale Überfülle aus: Rotzfrech, barock und oft kindlich verspielt, liefert die Inszenierung zahlreiche eindrückliche Momente, verliert sich in der Gesamtschau aber an Klarheit.
Das Ensemble als Träger der Aufführung
Stärker als die Regie steht das Ensemble im Zentrum der Erfahrung. Wenn Caroline Peters – in wechselnden Verwandlungen, etwa als Taube oder als „malträtierte“ Figur – auftritt, entwickelt sie eine fulminante Präsenz. Ebenso markant sind Sebastian Rudolph mit komödiantischer Schlitzohrigkeit und Branko Samarowski, der als Dachs sowohl live als auch on Screen mit KI-Unterstützung zum Maulwurf wird. Die Leistung des Ensembles zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend; selbst kleinere Figuren hinterlassen Eindruck.
Stemann zwischen Spielleitung und Allrounder
Nicolas Stemann nimmt eine Vielzahl von Aufgaben wahr: Er fungiert als Conferencier, streicht auf einem Papier-Rollband Namen mit roter Farbe durch, setzt sich ans Klavier, greift zum E-Bass und packt bei Bühnenumräumungen selbst mit an. Dieses viele Eingreifen unterstreicht seine intensive Verbindung zu Jelineks Texten – im Programmheft verweist Stemann darauf, möglicherweise fünfzehn ihrer Stücke inszeniert zu haben, wobei er zugibt:
„keine Ahnung!“
Die Nähe zwischen Autorin und Regisseur ist spürbar; Jelinek scheint Stemann ein besonderes Vertrauen entgegenzubringen. Das zeigt sich nicht nur in der wiederholten Arbeit an ihren Texten, sondern auch in der Offenheit, mit der Stemann die spielerischen und sprachlichen Raffinessen der Autorin zur Schau stellt.
Stärke und Grenzen der Inszenierung
Die Aufführung lebt von vielen Einzelszenen und pointierten Momenten – vom poetisch-zerbrechlichen Spiel Mavie Hörbigers über die jenseitig anmutende Präsenz Inge Maux' bis zur eindringlichen Darstellung Azaria Dowuona-Hammonds. Thiemo Strutzenberger liefert mit seiner gelegentlich aufgeputzten Figur einen weiteren Farbton. Insgesamt wirkt die Inszenierung jedoch weniger wie ein streng durchkomponiertes Werk als wie eine Reihe überbordender Improvisationen; die souveräne Lust am Spiel kompensiert nicht immer das Fehlen eines fokussierenden erzählerischen Bogens.
- Starke Einzelleistungen des Ensembles sind das auffälligste Merkmal.
- Stemanns vielschichtiger, hands-on-Auftritt dokumentiert seine Nähe zum Textmaterial.
- Die theatralische Üppigkeit führt zu einer gewissen Zerfasertheit der Gesamtdramaturgie.
Die Collage aus Wortspielen, Verfremdungen und überspitzten Figuren wirkt oft unterhaltsam und energetisch. In Summe bleibt jedoch die Frage, ob die Inszenierung die inhaltliche Schärfe von Jelineks Texten durch die theatralische Opulenz gleichermaßen zur Geltung bringt. Man spürt die Absicht, das Publikum in einen Zustand ungebremster Spielfreude zu versetzen; ob daraus nachhaltige Erkenntnisse entstehen, ist ein anderes Kapitel.
| Besondere Namen | Rolle/Beitrag |
|---|---|
| Caroline Peters | Vielgestaltige Hauptpräsenz (u. a. Taube) |
| Sebastian Rudolph | Komödiantische Figuren |
| Branko Samarowski | Dachs; on Screen mit KI zum Maulwurf |
| Nicolas Stemann | Conferencier, musikalische Einlagen, Regie |
Im Rückblick bleibt die Produktion ein eindrückliches Beispiel für die Lust am Theaterspiel in der österreichischen Szene: kraftvoll, verspielt und keineswegs langweilig. Zugleich setzt sie Maßstäbe in der Frage, wie viel theatralische Fülle die konzentrierte Kraft eines Textes verträgt. Für Zuschauerinnen und Zuschauer, die das Spektakel und die Ensembleenergie suchen, ist „Unter Tieren“ ein lohnender Abend. Wer hingegen eine straff komponierte, interpretatorisch klar ausgerichtete Jelinek-Lesart erwartet, wird hinter der performativen Üppigkeit bisweilen Ratlosigkeit finden.