Das katholische Hilfswerk Renovabis veranstaltet vom 17. bis 18. September seinen 30. Internationalen Kongress auf dem Freisinger Domberg. Thema der diesjährigen Tagung ist „Jenseits der Polarisierung“: Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Kirche, Politik und Zivilgesellschaft wollen Ursachen tieferliegender Spaltungen diskutieren und Strategien für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa erarbeiten.
Fokus auf Ursachen und Handlungsoptionen
Zum Auftakt analysieren die Sozialwissenschaftler Hugo Gloss vom DEKK-Institut in Bratislava und Regina Arant von der Universität Bremen die Mechanismen gesellschaftlicher Zerrissenheit. Ihre Vorträge sollen aufzeigen, warum Vertrauen schwindet und wie digitale Filterblasen, soziale Entfremdung und geostrategische Konflikte das soziale Geflecht belasten.
Fachforen befassen sich konkret mit:
- den Effekten digitaler Filterblasen auf politische Diskurse,
- Formen sozialer Entfremdung und deren Folgen für demokratische Teilhabe,
- den gesellschaftlichen Langzeitwirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.
Kirche als Teil der Debatte
Die Rolle kirchlicher Akteure steht ebenfalls auf der Agenda. So diskutieren der polnische Publizist Zbigniew Nosowski und die kroatische Friedensaktivistin Ana Raffai, inwieweit kirchliche Institutionen Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tragen können — aber auch, ob und wie sie selbst zur Polarisierung beitragen.
„Jenseits der Polarisierung“
Der zweite Kongresstag richtet den Blick auf Lösungsansätze: Aus Rom hat sich Kurienkardinal Mario Grech angekündigt. Er soll darlegen, wie die soziale Dimension der Synodalität zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen kann. Darüber hinaus werden unter anderem Volker Ullrich, Vizepräsident der Bundeszentrale für politische Bildung, und Perparim Rama, Bürgermeister von Pristina, erwartet.
Renovabis und seine Rolle
Renovabis wurde im März 1993 auf Anregung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) von den deutschen Bischöfen gegründet und ist seither das jüngste der sechs weltkirchlichen Hilfswerke Deutschlands. Das Werk organisiert jährlich eine mehrwöchige bundesweite Aktion, die traditionell am Pfingstsonntag mit einer Kollekte in Katholischen Gottesdiensten in Deutschland endet.
| Datum | Ort | Schwerpunkte / Teilnehmende |
|---|---|---|
| 17.–18. September | Freisinger Domberg | Analysen zu Polarisierung, Kirche und Synodalität; u. a. Grech, Nosowski, Raffai, Gloss, Arant, Ullrich, Rama |
Die Veranstaltung vereint damit Forschungsperspektiven mit kirchlichen und politischen Diskursen. Im Zentrum steht die Frage, wie Vertrauen in Institutionen wiederhergestellt und gesellschaftliche Bindungen gestärkt werden können — sowohl im westlichen Europa als auch in den Ländern Osteuropas, die Renovabis besonders unterstützt.
Die Themenwahl reflektiert aktuelle gesellschaftliche Debatten: Vertrauensverlust gegenüber politischen Institutionen, die Fragmentierung öffentlicher Diskurse durch Online-Strukturen und die Belastungen durch internationale Konflikte machen Zusammenhalt zu einer drängenden Zukunftsfrage. Der Kongress bietet ein Forum, in dem neben Problemanalysen auch praktikable Handlungsoptionen diskutiert werden sollen.
Für die Kirche stellt die Veranstaltung eine Möglichkeit dar, Selbstverständnis und öffentliche Rolle kritisch zu hinterfragen. Die Diskussionen um Synodalität und Verantwortung könnten Auswirkungen auf das kirchliche Handeln in lokalen Gemeinden ebenso haben wie auf die Beteiligung kirchlicher Akteure an zivilgesellschaftlichen Initiativen.
Ob die angekündigten Gespräche und Foren zu konkreten Vorschlägen führen, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass Renovabis mit dem 30. Kongress eine Plattform bietet, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt und den gesellschaftlichen Dialog in einer Zeit verschärfter Spannungen sucht.