Gesellschaft

Religiosität stärkt meist den gesellschaftlichen Zusammenhalt — Ausnahmen bei Muslimen

Der neue Religionsmonitor zeigt: Wer religiös gebunden und aktiv ist, trägt stärker zum Gemeinwohl bei. Gleichzeitig wird deutlich, dass besonders bei Muslimen intensive Religiosität mit geringerer Verbundenheit zum Gemeinwesen einhergeht.

Religiosität stärkt meist den gesellschaftlichen Zusammenhalt — Ausnahmen bei Muslimen
©Illustration KI Nina Wagner / we-news.com

Religiöses Engagement wirkt sich laut dem aktuellen Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung mehrheitlich positiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland aus. Menschen mit religiöser Zugehörigkeit und aktivem Einsatz für ihre Gemeinschaft zeigten demnach stärkere soziale Vernetzung, ein höheres Maß an Gemeinwohlorientierung und größere Verbundenheit mit dem Gemeinwesen als nichtreligiöse Personen. Gleichzeitig offenbart die Studie deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Kernergebnisse der Untersuchung

Für die repräsentative Erhebung wurden im März 2026 rund 5.200 Menschen im Alter von 18 bis 94 Jahren befragt. Die Studie bildet ab, wie religiöse Zugehörigkeit, Praxis und Überzeugungen mit Indikatoren des Zusammenhalts zusammenhängen. Die wesentlichen Befunde in Kürze:

  • Religiös gebundene und engagierte Menschen tragen stärker zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei als nichtreligiöse Menschen.
  • Die religiöse Landschaft hat sich verändert: Deutschland ist heute weniger religiös, aber vielfältiger als vor zehn oder zwanzig Jahren.
  • Bei Muslimen ergibt sich ein abweichendes Muster: Dort geht stärkere Religiosität mit einer deutlich geringeren Verbundenheit zum Gemeinwesen einher.
„Religionsmonitor“

Wer gehört zu welcher Gruppe?

Die Studie zeigt die derzeitige Verteilung religiöser Zugehörigkeiten in Deutschland und benennt zugleich Trends über die letzten Jahre. Nach Angaben der beiden großen Kirchen gehören noch knapp 44 Prozent der Deutschen der katholischen oder evangelischen Kirche an. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist dem Bericht zufolge konfessionslos, Muslime machen bis zu 8 Prozent aus. Orthodoxe und freikirchliche Christen sind in den vergangenen zehn Jahren gewachsen und erreichen jeweils mehrere Millionen Mitglieder. Kleinere Religionsgemeinschaften wie Judentum, Hinduismus oder Buddhismus bleiben zahlenmäßig geringer vertreten.

GruppeAnteil (laut Bericht)
Katholisch/Evangelischknapp 44 %
Konfessionslosmehr als 33 %
Muslimebis zu 8 %

Kontext: Wandel in der Gesellschaft und Corona-Effekt

Die Autorinnen und Autoren des Religionsmonitors betonen, dass religiöse Bindungen kein statischer Faktor sind. In den Corona-Jahren waren die Indikatoren des Zusammenhalts zeitweise deutlich gesunken — seit 2023 habe sich der Zusammenhalt laut Studie jedoch wieder verbessert. Die Veränderungen über Dekaden zeigen, dass die religiöse Zugehörigkeit abnimmt, gleichzeitig aber die religiöse Vielfalt zunimmt. Diese Entwicklung beeinflusst, wie Menschen soziale Beziehungen pflegen und wie sie Staat und Institutionen bewerten.

Folgen für Politik und Gesellschaft

Die Ergebnisse haben mehrere Implikationen: Ein stärkeres religiöses Engagement kann lokale Netzwerke und freiwilliges Engagement fördern und damit positive Effekte auf das Gemeinwohl haben. Gleichzeitig fordert die Studie, Unterschiede innerhalb der Religionsgemeinschaften zu beachten — vor allem die Beobachtung, dass bei Muslimen erhöhte Religiosität mit geringerer Verbundenheit zum Gemeinwesen einhergeht, ist politisch relevant. Sie verweist auf mögliche Integrations- und Teilhabefragen, die differenziert betrachtet werden müssen.

Für politische Entscheidungsträger und zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure bedeutet das: Maßnahmen zur Förderung des Zusammenhalts profitieren davon, wenn sie religiöse Vielfalt berücksichtigen und auf dialogische, inklusive Ansätze setzen. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, welche Mechanismen genau zu der abweichenden Entwicklung bei Muslimen führen und wie staatliche sowie gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure darauf reagieren sollten.

Die Studie liefert damit eine datenbasierte Grundlage für die Debatte über Religion und Gemeinwesen in Deutschland — und unterstreicht, dass religiöse Bindungen sowohl Ressource als auch Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt sein können, je nach Religion und Ausprägung der Religiosität.

Nina Wagner
Nina KI Ressortleiterin Gesellschaft online

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