Berlin. Nur ein Bruchteil der in Deutschland lebenden muslimischen Schülerinnen und Schüler nimmt am schulischen islamischen Religionsunterricht teil, obwohl die absoluten Teilnehmerzahlen in den letzten Jahren gestiegen sind. Nach einer Recherche des Mediendienstes Integration liegt die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler, die an Islamunterricht an allgemeinbildenden Schulen teilnehmen, bei etwa 84.000.
Wachstum in Zahlen — aber nicht proportional
Die Zahl der Teilnehmenden hat sich seit 2015 zwar verdoppelt, doch gleichzeitig ist auch die Zahl der Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit in Deutschland deutlich gewachsen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schätzte 2015 den Bestand auf rund 4,7 Millionen, zuletzt wurde die Zahl der muslimischen Religionsangehörigen mit Migrationshintergrund aus islamisch geprägten Herkunftsländern auf zwischen 6,6 und 7 Millionen geschätzt. Vor diesem Hintergrund bleibt der Anteil der muslimischen Schülerinnen und Schüler, die schulischen Islamunterricht besuchen, vergleichsweise niedrig.
Starke regionale Unterschiede und Angebotslücken
Das Angebot unterscheidet sich deutlich zwischen den Bundesländern. Im Schuljahr 2025/2026 wurde islamischer Religionsunterricht oder Islamkunde in neun Bundesländern angeboten: Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Saarland. Bremen und Hamburg setzen auf konfessionsübergreifenden Religionsunterricht, der auch Inhalte zum Islam umfasst. In fünf Ländern fehlt dagegen ein entsprechendes Schulangebot: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Brandenburg.
- Im Saarland besuchten zuletzt lediglich 2 Prozent der muslimischen Schülerinnen und Schüler den Islamunterricht.
- In Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil bei rund 7 Prozent, in Niedersachsen bei knapp 4 Prozent.
- Mit etwa 15 Prozent ist Bayern führend; dort erfolgt der Islamkundeunterricht in staatlicher Verantwortung.
Baden-Württemberg verzeichnete zuletzt rund 11.800 Teilnehmende am Islamunterricht, womit das Land zu den größeren Angeboten zählt.
Warum die Teilnahme vergleichsweise niedrig bleibt
Mehrere Faktoren erklären die Diskrepanz zwischen absoluter Zunahme und niedrigem Anteil an der Gesamtgruppe muslimischer Jugendlicher:
- Die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Muslime ist durch Zuwanderung gewachsen, sodass eine Verdoppelung der Teilnehmerzahlen nicht automatisch einen proportionalen Anstieg des Anteils bewirkt.
- Nicht in allen Bundesländern existiert ein staatlich organisiertes Angebot; das Angebot ist regional fragmentiert.
- Es liegen kaum belastbare Zahlen vor, wie viele Kinder und Jugendliche außerhalb der Schule, etwa in Moscheegemeinden, Koranunterricht erhalten; diese Angebote werden in den Statistiken nicht erfasst.
Auswirkungen für Schulen, Eltern und Politik
Für Schulen bedeutet die uneinheitliche Lage, dass Bildungsangebote sehr lokal variieren. Eltern stehen vor der Frage, ob sie ihre Kinder in konfessionellen Religionsunterricht schicken, ob sie auf außerschulische Angebote zurückgreifen oder ob sie gar keinen religiösen Unterricht wünschen. Für die Bildungspolitik sind zwei zentrale Aufgaben erkennbar: die Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen für Unterrichtsangebote und die Frage, wie ein pluraler Religionsunterricht gestaltet werden kann, der sowohl rechtlich als auch bildungspolitisch haltbar ist.
Fehlende Vergleichszahlen zu Koranunterricht in Gemeinden erschweren eine umfassende Bewertung: Ohne gesicherte Daten über außerunterrichtliche religiöse Bildung bleibt unklar, wie groß der Bedarf an schulischem Islamunterricht tatsächlich ist und welche Rolle staatliche Angebote im Lebensalltag muslimischer Familien spielen.
Bedeutung für Integration und Zusammenleben
Die Debatte um Islamunterricht berührt nicht nur fachliche und organisatorische Fragen des Schulsystems, sondern auch die gesellschaftliche Integration. Ein systematischer, bekenntnisorientierter Religionsunterricht kann Teil einer inklusiven Bildungsstrategie sein, gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass Angebot und Nachfrage nicht automatisch zusammenfallen. Die regional sehr unterschiedlichen Teilnahmequoten weisen auf eine heterogene Realität hin, die weitere empirische Klärung und politisches Abwägen erfordert.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Teilnehmende am Islamunterricht (gesamt) | ~84.000 |
| BAMF‑Schätzung 2015 (Muslime) | 4,7 Mio. |
| BAMF‑Schätzung zuletzt (muslim. Angehörige mit Migrationshintergrund) | 6,6–7 Mio. |
| Beispiel Bundesländer (Anteil muslim. Schüler im Unterricht) | Saarland 2%, NRW 7%, Niedersachsen 4%, Bayern 15% |
Die vorliegenden Zahlen liefern einen Anlass, Angebot, Bedarf und Wirkung schulischer Religionsbildung genauer zu untersuchen. Für Eltern, Lehrkräfte und politische Verantwortliche bleibt es zentral, auf transparente Datenbasis zu setzen, um bildungspolitische Entscheidungen fundiert treffen zu können.