Die durchschnittliche Dauer eines Krankenstandes in Österreich ist weiter gefallen: Nach den von der Statistik Austria veröffentlichten Daten betrug die durchschnittliche Dauer im Vorjahr 9,1 Tage. Damit setzt sich ein seit Jahrzehnten gültiger Trend fort, zwar mit temporären Ausschlägen während der Corona-Jahre, insgesamt aber mit einer deutlichen Abnahme gegenüber den frühen Erhebungsjahren.
Langfristtrend und Pandemie-Effekte
Historisch lag die durchschnittliche Krankenstandsdauer deutlich höher: Im ersten erfassten Jahr, 1965, betrug sie 18,6 Tage. Seitdem ist ein Rückgang zu beobachten; erstmals einstellig wurde der Wert 2015 mit 9,9 Tagen. In der Pandemie kam es zu einer temporären Zunahme — 2020 stieg die durchschnittliche Dauer auf 11,7 Tage, 2021 lag sie bei 10,3 Tagen — bevor die Zahlen wieder sanken.
Abwesenheit pro Erwerbstätigem bleibt höher als vor Covid
Weniger eindeutig ist der Verlauf bei den durchschnittlichen Krankenstandstagen pro erwerbstätiger Person: Für das Vorjahr meldet die Statistik Austria 14,7 Tage, nach 15,1 Tagen im Jahr 2024. Zum historischen Tiefststand war der Wert 2006 mit 12,0 Tagen. Diese Kennzahl beschreibt die Summe aller Krankenstandstage geteilt durch die Zahl der Erwerbstätigen und bietet damit ein anderes Bild als die durchschnittliche Dauer eines einzelnen Krankenstandes.
Gesundheit oder Anpassung an Arbeitsrealität?
Ob die rückläufigen durchschnittlichen Dauerwerte tatsächlich auf bessere Gesundheit zurückzuführen sind, ist umstritten. Schon der Wifo-Fehlzeitenreport verwies Ende Juni darauf, dass die Fehlzeiten insgesamt noch über dem Niveau vor der Covid-Pandemie liegen und Atemwegserkrankungen zugenommen hätten. Studienautorinnen weisen darauf hin, dass diese Veränderungen nachhaltig sein könnten.
„Das ist gekommen, um zu bleiben.“
Dieser Satz stammt aus der Wifo-Analyse und bezieht sich auf die verstärkte Präsenz von Atemwegserkrankungen seit der Pandemie. Parallel meldete die Arbeiterkammer Hinweise auf vermehrtes Krankarbeiten: Viele Beschäftigte gingen trotz Krankheit zur Arbeit, unter anderem wegen Angst vor Jobverlust, Pflichtgefühl gegenüber Kolleginnen und Kollegen sowie hohem Termindruck. Auch Personalmangel in vielen Betrieben wurde als treibender Faktor genannt.
Gewerkschaften und AK sehen weiter Handlungsbedarf
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) begrüßte die Entwicklung zwar, warnte aber gleichzeitig vor verfrühter Entwarnung. In einer Aussendung betonte Julia Stroj, zuständig für Gesundheit im ÖGB, dass jeder einzelne Krankenstandstag einer zu viel sei und es deshalb mehr Prävention, bessere Arbeitsbedingungen und verlässlichen Schutz für Beschäftigte brauche. Auch die AK-Wien sprach von einem „weiterhin hohen Handlungsbedarf“ und verwies auf die strukturellen Gründe, die zu Krankarbeiten und verkürzten Abwesenheiten führten.
- Angst vor Jobverlust und ökonomischer Druck
- Pflichtgefühl gegenüber Kolleginnen und Kollegen
- Hoher Termindruck und Personalmangel in Betrieben
| Jahr | Durchschnittliche Dauer (Tage) |
|---|---|
| 1965 | 18,6 |
| 2006 (Tiefststand bei Jahreswert) | 12,0 |
| 2015 | 9,9 |
| 2020 | 11,7 |
| 2021 | 10,3 |
| 2024 | 15,1 (Krankenstandstage pro Erwerbstätigem) |
| Vorjahr (Durchschnittsdauer) | 9,1 |
Für Entscheidungsträgerinnen in Sozialversicherung, Unternehmen und Politik heißt das: Geringere durchschnittliche Fehlzeitendauern sind ein positives Signal, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass strukturelle Risiken bestehen. Mangel an Personal, hohe Arbeitsbelastung und eine Kultur, die krankes Arbeiten begünstigt, können langfristig die Produktivität und Gesundheit der Belegschaften belasten. Forderungen nach mehr Prävention, besseren Arbeitsbedingungen und verlässlichem Gesundheitsschutz bleiben daher zentral.
Aus wirtschaftlicher Perspektive sind genaue Beobachtung und gezielte Maßnahmen nötig, damit reduzierte Krankenstandsdauern nicht nur eine statistische Folge von Präsenzdruck sind, sondern Ausdruck echter gesundheitlicher Verbesserungen.