Das Konzept „Health at Every Size“ (HAES) rückt die Förderung von Gesundheit unabhängig vom Körpergewicht in den Mittelpunkt und gewinnt in der fachlichen Debatte um öffentliche Gesundheit und Ernährungsberatung an Bedeutung. Neue Untersuchungen legen nahe, dass klassische gewichtsorientierte Diätstrategien langfristig häufig versagen: Forscherinnen und Forscher berichten, dass nach Abschluss einer Diät bei ein bis zwei Drittel der Teilnehmenden das Gewicht höher liegt als vor Beginn der Maßnahme.
Wissenschaftliche Einordnung und Befunde
HAES stellt zentrale Annahmen der bisherigen Übergewichtsdebatte zur Diskussion. Ein Kernpunkt ist die Skepsis gegenüber der Vorstellung, dass ein erreichter Gewichtsverlust dauerhaft erhalten werden könne oder als alleiniges Primärziel für bessere Gesundheit sinnvoll sei. Diese Kritik stützt sich auf verschiedene Studien und Übersichtsarbeiten. So verweisen Forschende der University of California auf Beobachtungen, wonach viele Diäten den gewünschten langfristigen Effekt nicht erzielen. Eine weitere wissenschaftliche Arbeit von Penney und Kirk (2015) zeigt, dass HAES-Interventionen Potenzial besitzen, metabolische Gesundheitsparameter langfristig zu verbessern und gleichzeitig eine entstigmatisierende Wirkung zu entfalten.
Was bedeutet das für Beratung und Gesundheitsförderung?
- Gewichtsneutrale Beratung: Der Fokus verschiebt sich von der reinen Gewichtsreduktion hin zu Verhaltensänderungen, die körperliche und psychische Gesundheit fördern.
- Entstigmatisierung: HAES setzt sich aktiv gegen die Stigmatisierung von Menschen mit höherem Körpergewicht ein, was die Zugangsbarrieren zu Gesundheitsangeboten senken kann.
- Langfristigkeit statt kurzfristiger Diäten: Interventionen, die auf nachhaltige Lebensstiländerungen und Wohlbefinden abzielen, könnten stabilere gesundheitliche Effekte bringen als radikale, kurzfristige Diäten.
Die Diskussion hat praktische Konsequenzen für Ernährungsberatung, Präventionsprogramme und die Weiterbildung von Gesundheitsberufen: Wenn Gewicht nicht mehr der alleinige Erfolgsindikator ist, müssen Messgrößen, Ziele und Erfolgskriterien neu definiert werden.
| Beobachtung | Angabe |
|---|---|
| Anteil, der nach Diät schwerer ist als vorher | Ein bis zwei Drittel der Teilnehmenden |
| Schlüsseljahr der zitierten HAES-Analyse | 2015 (Penney & Kirk) |
Qualität der Evidenz und offene Fragen
Die kritische Auseinandersetzung mit Übergewicht und Diäten basiert teils auf Beobachtungsdaten und auf Studien mit heterogenen Interventionen. Das bedeutet: Es gibt Hinweise, dass HAES-Programme metabolische Gesundheit verbessern können, doch die Studienlage ist nicht einheitlich und erfordert weitere, gut kontrollierte Langzeitstudien. Für die praktische Umsetzung in Österreich wäre es notwendig, randomisierte Studien und prospektive Evaluierungen vorzulegen, die Effekte auf Mortalität, Herz-Kreislauf-Risiken, Lebensqualität und psychische Gesundheit messen.
Wichtig bleibt zudem die Frage, wie Systeme der Gesundheitsversorgung, etwa niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Spitäler und Präventionsprogramme, eine gewichtsneutrale Ausrichtung operationalisieren können. Das reicht von Anpassungen in Leitlinien über Qualifizierungsangebote bis zu veränderten Abrechnungs- und Förderstrukturen.
Implikationen für Betroffene und Fachpersonal
Für Menschen, die sich mit Gewichtsthemen beschäftigen, kann HAES einen stärkeren Fokus auf Wohlbefinden, Bewegungsfreude und ausgewogene Ernährung eröffnen, ohne Druck durch eine ausschliessliche Fixierung auf die Waage. Für Fachpersonal bedeutet der Ansatz, Beratungsziele transparenter zu diskutieren und patientinnen- bzw. klientenzentriert zu arbeiten.
Die Debatte um HAES zeigt, dass Gesundheitspolitik und Versorgungspraxis sich weiterentwickeln müssen, um evidenzbasiert, wirksam und zugleich stigmatisierungsfrei vorzugehen. Offen bleibt, welche Mischung aus gewichtsneutralen und -orientierten Angeboten langfristig die besten gesundheitlichen Resultate liefert — dazu sind weitere hochwertige Forschungsarbeiten und praxisnahe Evaluierungen nötig.
Die Ergebnisse unterstreichen jedenfalls eines: Der alleinige Blick auf die Waage erfasst nicht alle relevanten Aspekte von Gesundheit. Eine breitere Perspektive kann helfen, bessere, nachhaltigere Angebote in der Gesundheitsförderung zu etablieren.