Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) übt scharfe Kritik an der Praxis massiver Abordnungen von Lehrkräften in Sachsen. Nach Angaben der GEW wurden im vergangenen Schuljahr etwa 3.000 Lehrkräfte abgeordnet; dadurch sei rund ein Viertel des Unterrichts nicht durch die angestammten Fachkräfte erteilt worden. Die GEW sieht darin eine erhebliche Belastung für Kolleginnen und Kollegen und eine Gefahr für die Bildungsqualität.
Hohe fachfremde Unterrichtsanteile
Die Zahlen der Gewerkschaft zeigen deutliche Unterschiede nach Schularten: An Grundschulen lag der Anteil fach- oder schulartfremden Unterrichts bei 27 Prozent, an Oberschulen bei 29 Prozent und an Förderschulen bei 62 Prozent. In einzelnen Regionen sind die Werte noch dramatischer: Als Negativbeispiel nennt die GEW Förderschulen im Raum Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit 87 Prozent fachfremdem Unterricht.
| Schulform | Anteil fachfremder Unterricht |
|---|---|
| Grundschulen | 27 % |
| Oberschulen | 29 % |
| Förderschulen | 62 % |
Belastung und pädagogische Folgen
Die GEW betont, Abordnungen führten zu einer „immens hohen Belastung“ für die betroffenen Lehrkräfte. Lehrpersonen müssten sich eigenständig in andere Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien einarbeiten, während in ihrer Stammschule neue Lücken entstünden, die wiederum zu Schieflagen führten. Für Schülerinnen und Schüler bedeute das oft wechselnde Fachpersonal einen Verlust an Kontinuität in Unterricht und Betreuung – ein Effekt, den die Gewerkschaft als "Personalkarussell" beschreibt.
„Die Fehler der Vergangenheit dürfen nicht allein auf dem Rücken der Lehrkräfte bekämpft werden“,
erklärte GEW-Chef Burkhard Naumann und forderte das Kultusministerium zu einem Stopp der Praxis auf. Als Alternativen schlug die Gewerkschaft unter anderem Arbeitszeitkonten, Anreize für ältere Lehrkräfte, weiter zu unterrichten, sowie Prämien für junge Lehrkräfte vor, wenn diese in Bedarfsregionen gingen.
Ministerium hält an Abordnungen fest
Das zuständige Kultusministerium unter dem Minister Conrad Clemens (CDU) signalisierte dagegen, die Abordnungen auch im neuen Schuljahr beibehalten zu wollen. Clemens rechnet damit, dass die Zahl der Abordnungen steigen wird: Für das kommende Schuljahr erwartet das Ministerium mehr als 5.000 Abordnungen. Zugleich führte das Ressort an, durch Abordnungen den Unterrichtsausfall an Oberschulen bereits um 26 Prozent gesenkt zu haben.
Konsequenzen für Personal- und Bildungspolitik
Die Debatte verdeutlicht die Spannung zwischen kurzfristiger Sicherung des Unterrichtsbetriebs und langfristiger Qualitätssicherung. Die vorgeschlagenen Maßnahmen der GEW zielen auf Personalbindung und gezielte Anreizsysteme, während das Ministerium auf bestehende Notfallinstrumente setzt. Wichtige Fragen bleiben offen:
- Wie lassen sich dauerhafte Lösungen gegen Lehrermangel schaffen, ohne wiederholte Abordnungen?
- Inwieweit können Anreizsysteme tatsächlich Personal in entlegene oder besonders bedürftige Regionen bringen?
- Welche Folgen haben wiederkehrende fachfremde Unterrichtsanteile langfristig für die Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler?
Für Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen ist die Situation belastend: Kurzfristige Vertretungen sichern zwar den Unterricht, langfristig gefährden sie aber Kontinuität und Unterrichtsqualität. Die anstehende Diskussion zwischen Gewerkschaft und Ministerium wird daher entscheidend dafür sein, ob sich Sachsen auf verbindlichere Personalstrategien verständigt – oder ob Abordnungen dauerhaft zum Instrument der Unterrichtssteuerung werden.
Die GEW fordert jetzt Gespräche über Alternativen und eine Abkehr von einer Praxis, die nach Ansicht der Gewerkschaft zu viele Lasten auf einzelne Lehrkräfte verlagert. Im Raum steht die Frage, wie Bildungssysteme in Zeiten des Lehrkräftemangels resilienter gestaltet werden können, ohne die pädagogische Arbeit zu überfordern.