Eine Gruppe von Wissenschaftlern, Ärztinnen und Verbraucherschützern fordert strengere Kontrollen für sogenannte Botanicals — Nahrungsergänzungsmittel mit Inhaltsstoffen aus Pflanzen, Algen, Pilzen oder Flechten. In einem Brief an das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sowie an das Bundeswirtschaftsministerium bemängeln die Unterzeichnenden erhebliche Qualitäts- und Sicherheitsprobleme und verlangen, die derzeitige ungeregelte Situation zu beenden, um den Verbraucherschutz zu verbessern.
Aktuelle Regelung: Registrierung statt Prüfung
Derzeit reicht in Deutschland laut dem Schreiben der Expertengruppe eine Eintragung in ein Register beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), bevor ein Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gebracht werden darf. Eine formelle behördliche Prüfung auf Sicherheit oder Wirksamkeit vor dem Markteintritt sei nicht vorgesehen. Diese Praxis kritisieren die Autorinnen und Autoren des Briefes als unzureichend.
- Geforderte Änderung: Vor dem Verkauf sollen Botanicals einer behördlichen Prüfung unterliegen.
- Problem: Aktuell melden Hersteller ihre Produkte lediglich beim BVL an, ohne vorherige Evaluation durch die Behörden.
- Konsequenz: Qualitäts- und Sicherheitsmängel werden nach Ansicht der Expertengruppe nur unzureichend erkannt.
Andreas Hensel, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie und Leiter des Instituts für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie an der Universität Münster, zählt zu den Unterzeichnern. Er schildert ein Dilemma: Landesuntersuchungsämter weisen auf Probleme hin, während die Rechtsvertretung von Herstellern auf andere Analyseverfahren verweist. Hensel bringt dies pointiert auf den Punkt:
„Damit kannst du dich immer herausreden.“
Ausmaß des Angebots und Kontrolldefizite
Die Expertengruppe verweist auf die starke Dynamik des Marktes. Nach Angaben aus dem Umfeld der Initiative seien allein im vergangenen Jahr mehrere zehntausend neue Produkte auf dem Markt erschienen. Solch eine Menge erschwere eine flächendeckende Qualitätskontrolle und erhöhe das Risiko, dass belastete oder fehlerhaft deklarierte Präparate ungeprüft in den Handel gelangen.
Als konkrete Risiken werden in dem Schreiben unter anderem unzureichende Qualitätsstandards, Verunreinigungen, wechselnde Wirkstoffkonzentrationen und unklare Wechselwirkungen genannt. Gerade bei Botanicals seien die Inhaltsstoffe naturbedingt variabel, zusätzlich können Verwechslungen von Arten, Belastungen mit Schwermetallen oder unerwünschte Begleitstoffe auftreten — Probleme, die nur durch standardisierte Prüfverfahren verlässlich erfasst werden können.
Was die Expertengruppe vorschlägt
Die Forderungen zielen auf eine systematische Vorprüfung vor dem Markteintritt und klarere rechtliche Vorgaben zur Registrierung und Kennzeichnung. Die Unterzeichnenden sprechen sich für verbindliche Prüfstandards aus, die Qualität, Identität und Reinheit der eingesetzten Rohstoffe sowie mögliche gesundheitliche Risiken abklären sollen.
| Aktueller Zustand | Geforderte Änderung |
|---|---|
| Eintragung beim BVL vor Inverkehrbringen, keine systematische Vorprüfung | Behördliche Vorprüfung auf Sicherheit, Qualität und Risiken |
Die Initiative richtet sich an Bundesministerien, weil eine nationale Regelung nötig erscheint, um einheitliche Standards durchzusetzen und den Flickenteppich unterschiedlicher Prüfpraktiken der Länder zu vermeiden. Ziel ist es, Rechtsunsicherheiten zu reduzieren und die Verbraucherinnen und Verbraucher besser zu schützen.
Konsequenzen für Konsumentinnen und Konsumenten
Für Endverbraucherinnen und -verbraucher bedeutet eine Verschärfung strengere Kontrollen vor dem Kauf, möglicherweise aber auch eine längere Markteinführungszeit für neue Produkte. Unternehmen müssten zusätzliche Nachweise erbringen, was die Kosten und den Aufwand erhöhen könnte. Zugleich könnte eine verbindliche Prüfung die Zahl fehlerhafter Produkte im Handel senken und die Transparenz bei Herkunft und Zusammensetzung verbessern.
Die Diskussion um eine stärkere Regulierung von Botanicals ist Teil eines größeren öffentlichen Diskurses über die Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln. Entscheidend wird sein, welche Maßnahmen Ministerien und Behörden ergreifen und welche formalen Vorgaben letztlich gesetzt werden.
Als Ressortleiterin Gesundheit beobachte ich die Debatte mit Blick auf Praxisrelevanz und Verbraucherschutz: Eine klare, wissenschaftlich fundierte und umsetzbare Regelung wäre sinnvoll, um Gesundheitsrisiken zu minimieren, ohne gleichzeitig unnötige Hürden für seriöse Hersteller zu schaffen.