Der frühere Hamburger Schulsenator Ties Rabe verlangt eine bundesweite Ausweitung eines Modells, das er in Hamburg eingeführt hat: verpflichtende Nachhilfe für Schülerinnen und Schüler, die im Zeugnis die Note 5 führen. Rabe, der von 2011 bis 2024 Hamburger Schulsenator war, erläutert das Vorgehen in seinem Buch „Endlich mal anfangen“ und in Interviews mit Medien.
Modell aus Hamburg und gemeldete Wirkung
Konkreter Kern der Forderung ist, dass betroffene Schüler zwei Förderstunden pro Woche erhalten. Die Kosten sollen vom Staat getragen werden. Rabe berichtet, dass sich nach einem Jahr fast 50 Prozent der betroffenen Jugendlichen von der Note 5 befreit hätten. Diese Verbesserung sei aber nur dann zu erwarten, „wenn keiner schwänzt“, weshalb er eine verbindliche Teilnahme verlangt.
„Der Nachhilfeunterricht läuft so lange, bis die schlechten Noten weg sind.“
Rabe betont, dass die Förderung notfalls über Jahre fortgeführt werden müsse. Er verknüpft die Nachhilfepflicht mit weiteren schulischen Änderungen: tägliches Lesetraining, mehr Unterrichtsstunden pro Woche und anspruchsvollere Lehrmaterialien.
Konkret vorgeschlagene Maßnahmen
Aus den Darstellungen lassen sich mehrere Bausteine herauslesen, die Rabe kombiniert sehen möchte:
- Zwei zusätzliche Förderstunden pro Woche für Schüler mit Note 5, finanziert vom Staat.
- Tägliches Lesetraining von etwa 20 Minuten im regulären Schulalltag.
- Zwei zusätzliche Unterrichtsstunden pro Woche allgemein, um Unterrichtszeit zu erhöhen.
- Höhere Ansprüche durch anspruchsvollere Materialien, längere Texte und mehr freie Textproduktion statt nur Multiple‑Choice.
| Maßnahme | Angabe |
|---|---|
| Förderstunden | 2 Stunden/Woche (bei Note 5) |
| Lesetraining | 20 Minuten täglich |
| Mehr Unterricht | 2 Stunden/Woche zusätzlich |
| Wirkungsangabe | ~50 % haben nach einem Jahr keine 5 mehr |
Begründung und pädagogische Kritikpunkte
Rabe führt als Hauptargument abnehmende Lernzeit zu Hause an. Dem wolle er in der Schule entgegensteuern, indem dort mehr und intensiver gelernt werde. Bei der Lesekompetenz verweist er auf Rückstände: Jugendliche der neunten Klasse würden beim Lesen ungefähr auf dem Niveau früherer achten Klassen liegen. Für Rabe gehört zu gutem Lesen das Arbeiten mit „richtigen Büchern“ und nicht nur mit Comics oder rein oberflächlichen Übungsformen.
Weiterhin kritisiert er „Unterforderung“ durch zu leichte Aufgaben. Solche Aufgaben führten seiner Ansicht nach nicht zu besseren Leistungen, sondern zu Verschlechterung. Deshalb seien höhere Ansprüche in Unterrichtsmaterialien notwendig.
Offene Fragen für die Umsetzung
Die Vorschläge werfen mehrere praktische Fragen auf, die in einer politischen Umsetzung zu klären wären: Finanzierungsmodelle für die zusätzlichen Stunden, Personalressourcen für verpflichtende Nachhilfe, Mechanismen zur Durchsetzung der Teilnahme und die Abstimmung mit bestehenden Förderstrukturen. Rabe selbst liefert erste Leistungszahlen aus dem Hamburger Modell, nicht jedoch eine detaillierte Kostenrechnung in den zitierten Auszügen.
Für Österreich könnte die Debatte eine Aktualisierung der eigenen Förderstrategien auslösen. Die zentrale Frage bleibt, ob verpflichtende, staatlich finanzierte Nachhilfe in Kombination mit mehr Unterrichtszeit die gewünschten Leistungssteigerungen nachhaltig bringt und wie sich ein solches Angebot organisatorisch und finanziell integrieren lässt.
Die Diskussion über verpflichtende Nachhilfe und strengere Lernanforderungen dürfte damit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Nachbarstaaten wie Österreich insbesondere bei Bildungsplanern, Schulverwaltungen und Lehrergewerkschaften auf Interesse stoßen.