Die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Tablat-St.Gallen hat einen weitreichenden Umbau ihres Gemeindemodells beschlossen. Hintergrund sind anhaltend sinkende Einnahmen: Seit 2017 sind die Steuereinnahmen um rund 1 Million Franken gefallen, und es sei in den letzten Jahren ein jährliches Defizit von rund 800'000 Franken entstanden. Um die langfristige Finanzierbarkeit sicherzustellen, stimmen die Kirchbürgerinnen und Kirchbürger einem Modell mit weniger Pfarrpersonen, neuen Gottesdienstformen und dem Abbruch eines Kirchengebäudes zu.
Weniger Personal, neue Formen
Die Vorsteherschaft der Kirchgemeinde verfolgt mit dem Beschluss das Ziel, eine «Kirche der Zukunft» zu bauen, die auch mit geringeren finanziellen und personellen Ressourcen auskommt. Im neuen Modell gibt es künftig weniger Pfarrpersonen; zudem entfällt ein Kirchkreis. Der Kirchkreis Heiligkreuz wird künftig ohne eigenen Pfarrer geführt, bislang ist für diesen Kirchkreis kein Nachfolger vorhanden.
Gottesdienste und andere kirchliche Angebote sollen vermehrt durch Freiwillige mitgetragen werden. Die Verantwortlichen betonen, dass damit neue Formen des Gemeindelebens entstehen sollen, in denen professionelles seelsorgerisches Angebot und freiwilliges Engagement miteinander kombiniert werden.
Stephanshorn: Schliessung, Abbruch und Bauland
Ein sichtbares Zeichen der Reform ist die Kirche Stephanshorn: Sie wurde bereits im Oktober 2025 im Rahmen eines Gottesdienstes geschlossen und der Kirchkreis Stephanshorn aufgelöst. Seine Gläubigen wurden dem Kirchkreis Grossacker zugeteilt. Planungen sehen vor, das Gebäude abzubrechen und das Gelände als Bauland umzugewinnen. Konkrete Pläne für die Umzonung und die Nutzung des Areals sollen folgen.
«Das heisst, dass wir noch mutiger als bisher über eine Kirche nachdenken müssen, die mit weniger Ressourcen auskommt»,
sagte Peter Graf, Präsident der Evangelisch-reformierten Kirchenvorsteherschaft Tablat-St.Gallen, zu den anstehenden Veränderungen. Graf, der zugleich Chef der St.Galler Stadtwerke ist, betonte, man habe intensiv überlegt, wie die Kirche künftig finanziell tragbar bleibe.
Finanzen: Rückstellungen haben Defizite abgefedert
Die Kirchgemeinde weist darauf hin, dass in den vergangenen Jahren zwar Defizite entstanden, diese aber durch vorhandene Rückstellungen und Reserven gedeckt werden konnten. Trotzdem sei ein strukturelles Umdenken unausweichlich, um nicht in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Der beschlossene Sparkurs soll die laufenden Kosten senken und gleichzeitig die wichtigsten Angebote langfristig sichern.
- Seit 2017: Rückgang der Steuereinnahmen um rund 1 Mio. Fr.
- Jährliches Defizit: etwa 800'000 Fr. in den vergangenen Jahren
- Konsequenz: Weniger Pfarrpersonen, Auflösung eines Kirchkreises, neue Gottesdienstkonzepte
- Gebäudemassnahme: Schliessung und geplanter Abbruch der Kirche Stephanshorn; Umzonung als Bauland vorgesehen
Folgen für Gemeindemitglieder und Stadtentwicklung
Die Entscheidungen haben mehrere Ebenen von Auswirkungen. Für die Gemeindemitglieder bedeuten sie weniger direkte seelsorgerische Ressourcen vor Ort und eine grössere Rolle für Ehrenamtliche. Die Zuordnung des Stephanshorn-Bestands zum Kirchkreis Grossacker verändert pastorale Zuständigkeiten und möglicherweise die Erreichbarkeit kirchlicher Angebote für die betroffenen Quartiere.
Für die Stadtentwicklung bringt der mögliche Verkauf und die Umzonung der Stephanshorn-Parzelle neues Bauland. Die konkreten städtebaulichen und sozialplanerischen Entscheidungen stehen noch aus; sie werden Einfluss auf Wohnraumentwicklung und Quartierstruktur haben.
| Aspekt | Stand / Massnahme |
|---|---|
| Steuereinnahmen | - rund 1 Mio. Fr. seit 2017 |
| Defizit | - ca. 800'000 Fr. jährlich |
| Kirchkreise | - Auflösung Stephanshorn, Zuweisung zu Grossacker; Heiligkreuz ohne Nachfolger |
| Gebäude | - Schliessung und geplanter Abbruch Kirche Stephanshorn |
Reaktionen und Ausblick
Die Schliessung der Stephanshorn-Kirche sei für viele Kirchbürger emotional gewesen, heisst es aus der Vorsteherschaft. Zugleich betonen die Verantwortlichen, dass die Massnahmen notwendig seien, um die kirchliche Arbeit auf längere Sicht zu sichern. Wie genau die neuen Gottesdienstformen aussehen und welche Rolle Freiwillige künftig übernehmen, werde in den kommenden Monaten ausgearbeitet.
Die städtischen Behörden und Planungsstellen sind voraussichtlich in weitere Gespräche über die Umzonung des Stephanshorn-Areals eingebunden; hier stehen Abklärungen und Verfahren an, bevor eine definitive Nutzung festgelegt wird.
Die Kirchgemeinde Tablat-St.Gallen steht damit exemplarisch für viele Gemeinden in der Schweiz, die sich angesichts rückläufiger Einnahmen und schwindender Mitgliederzahlen neu organisieren müssen. Die Balance zwischen finanzieller Nachhaltigkeit und dem Erhalt sozialer und spiritueller Angebote bleibt eine zentrale Herausforderung.