Frankfurt/Main. Die Jury des Deutschen Buchpreises hat aus einer Longlist von zwanzig Titeln eine Shortlist mit sechs Romanen bekanntgegeben. Als Leitmotivation nannte Jurysprecherin Cornelia Geißler den ästhetischen Reichtum und die Sprachlust, die sich in der Auswahl zeigten.
„So unsicher die Gegenwart auch sein mag, erweist sie sich doch als Nährboden für eine großartige Literatur. Die sechs Romane der Shortlist zeugen davon“, sagte Geißler.
Schwerpunkte der Auswahl
Aus der veröffentlichten Begründung und den Kurzbeschreibungen der nominierten Werke lassen sich mehrere Themenstränge ablesen: Erinnerung an die deutsche Vergangenheit, Fragen von Zugehörigkeit und Heimat, Radikalisierung und Klimagerechtigkeit sowie familiäre Verflechtungen über Ländergrenzen hinweg. Die Jury hebt neben ernsten Motiven immer wieder die Lust an Sprache und Erzählform hervor — und notiert, dass in den Büchern auch Raum für Komik bleibe.
Bekannte Titel auf der Shortlist
Aus der offiziellen Aufstellung sind derzeit folgende Romane namentlich genannt (in alphabetischer Reihenfolge):
| Titel | Autorin / Autor | Kurzbeschreibung |
|---|---|---|
| Die Lücken | Shida Bazyar | Ein über rund hundert Jahre angelegter Roman, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Hunsrück; verhandelt jüdische Familien, NS-Profiteure und Flucht aus dem Iran; soll die Grenzen des Heimatromans neu ausloten. |
| Orca | Franziska Gänsler | Erzählt von Zugehörigkeit, Freundschaft, Klimagerechtigkeit und Radikalisierung; verbindet zwei Erzählebenen, die ein Radikalisierungsszenario rekonstruieren. |
| Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle | Valeria Gordeev | Das einzige Debüt auf der Liste; handelt von einer Familie zwischen Kiew, Moskau und Berlin. |
Die Jury betont bei Shida Bazyars Werk den „Sprachwechsel“ über die Zeitebenen hinweg, der jedem Abschnitt einen eigenen Ton verleihe, und nennt das Buch ein Werk, das trotz Traurigkeit „zutiefst glücklich“ mache. Zu Franziska Gänslers Roman führt die Jury an, er gebe eine Antwort auf die Frage, wie Radikalisierungsprozesse entstehen, weil er zwei narrative Ebenen klug zusammenführe. Valeria Gordeev wird als Debütantin hervorgehoben; ein Auszug aus ihrem gegenwärtigen Roman habe bereits den Bachmann-Preis eingebracht.
Ausblick und Bedeutung
Der Deutsche Buchpreis gilt als einer der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Die Shortlist markiert einen wichtigen Impuls für die Wahrnehmung der nominierten Titel: Handel, Medien und Leserschaft richten verstärktes Augenmerk auf diese Bücher, Verlage planen Übersetzungen, Lesetouren und Neuauflagen. Für Autorinnen und Autoren bedeutet die Nominierung nicht nur öffentliche Sichtbarkeit, sondern oft auch wirtschaftliche Effekte in Form gesteigerter Auflagezahlen.
- Anzahl der Shortlist-Titel: 6 (aus einer Longlist von 20)
- Herausgehobene Themen: Erinnerung, Heimat, Zugehörigkeit, Radikalisierung, Klimafragen
- Besonderheit: Ein Debüt auf der Shortlist
Die Jury formuliert mit der jetzigen Auswahl eine Zuspitzung auf Werke, die sowohl formal als auch thematisch aktuelle Spannungen reflektieren. Welche Titel schliesslich den Preis gewinnen, wird in den kommenden Wochen entschieden und dürfte die Diskussion um Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum weiter anheizen.
Die vollständige Liste aller sechs Shortlist-Titel sowie die abschließende Preisträgerbekanntgabe werden von der Jury zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.